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Von – 5. November 2016

Spiritueller Brutalismus: Kirchenarchitektur der sechziger Jahre

Quadratisch, fensterlos, aus Beton: Nach 1945 wollte man beim Kirchenbau keinen Prestige und keinen Schnörkel. Die neuen Kirchen sollten allein dem geistlichen Leben dienen.

Klare Formen, wenig Schnickschnack: die 1966 eingeweihte Kirche Cantate Domino in der Nordweststadt. Foto: Rui Camilo

Klare Formen, wenig Schnickschnack: die 1966 eingeweihte Kirche Cantate Domino in der Nordweststadt. Foto: Rui Camilo

Damals hat man für nüchternen Beton (französisch: „beton brue“, daraus wurde auf deutsch „Brutalismus“) geschwärmt, erzählt Jürgen Telschow, Mitautor eines Buches über „Frankfurts evangelische Kirchen im Wandel der Zeit“. Auffällig ist auch die Vorliebe für Quadrat und Würfel, die Kubusform ist typisch.

„Die Reduzierung der Formen hatte bereits in den 1920er Jahren begonnen und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Spitze getrieben“, sagt Telschow. „Nach 1945 sollte eine neue Zeit beginnen, zu der nichts Romantisierendes mehr passte. Das Überkommene taugte nicht mehr, ein nüchterner, sparsamer Stil schien das Gebot der Stunde.“

Ernst Görcke, der damals (von 1946 bis 1973) die Bauabteilung des evangelischen Gemeindeverbandes leitete, war der Ansicht, dass der Kirchraum der inneren Sammlung dienen sollte. Kirchen sollten keine nach außen glänzenden Prestigeobjekte sein, sondern dem geistlichen Leben dienen. Daran sollte sich die Architektur und Ausgestaltung orientieren.

Extremstes Beispiel für diese Haltung ist vielleicht die Dreifaltigkeitskirche in der Kuhwaldsiedlung, die fast keine Fenster hat und wie eine Festung wirkt.

Auf dem Rummelsberger Kirchenbautag 1951, an dem Theologen, Bauchfachleute und bildende Künstler teilnahmen, waren Grundsätze für die Gestaltung des gottesdienstlichen Raumes formuliert worden. Demnach sollte der Altar nach Osten ausgerichtet sein, der Altarraum etwas erhöht und frei zugänglich. Daran hielten sich die meisten Architekten in den 1960er Jahren.

Bei der künstlerischen Ausgestaltung setzten die Architekten und Künstler der 1960er Jahre auf Licht: Entweder durch eine besondere Lichtführung oder leuchtende Glasmalfenster. In Cantate Domino kommt das Licht von oben und beleuchtet einen zehn Meter hohen Wandteppich von Heinz Kreutz: „Liest man ihn von oben nach unten, wird der Lichteinfall aufgenommen“, schreiben Telschow/Proescholdt. „Von dem milchigen Weiß, das oben vom Himmel her überleitet, über helle und leuchtende Farben bis zu den dunklen Kreisen und Vielecken unten soll der Einfall des Himmels in die „bedrückendsten Erfahrungen des Lebens und des Alltags widerspiegeln. Liest man ihn von unten nach oben, dann kann er die Erlösung aus unserer irdischen Existenz zum Himmel hin andeuten.“

Auch die Lichtkuppel über dem Altar in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche ist besonders: Sie führt das Licht mit Aluminium-Leitblechen nach unten – Entwurf und Ausführung stammen von Hermann Goepfert.

„Die Glasbaufenster dieser Zeit sind auch deshalb besonders, weil sie nur in der Kirche wirken und nicht etwa im Museum, wie prunkvolle Ausstellungsgegenstände früherer Zeiten“, sagt Telschow. Eindrucksvolles Beispiel ist das große Chorfenster mit dem segnenden und gemeindeumfangenden Christus in der Dornbuschkirche, das der Glaskünstler Hans Adam gestaltet hat. Besonders sind auch die Fenster von Johannes Schreiter in der Festeburgkirche, die an eine Notenschrift erinnern (mehr über Glasfenster in Kirchen lesen Sie hier).

Braucht man überhaupt noch einen Kirchturm?

Für Diskussionsstoff sorgte damals auch das Thema Kirchturm. Sollte man ihn ganz weglassen, auf ihre Funktion als Glockenträger reduzieren oder mit ihm ein weithin sichtbares Zeichen setzen? Angesichts der vielen Hochhäuser, die in dieser Zeit in Frankfurt entstanden, schien Letzteres vielen Architekten absurd.

Die Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde sparte den Kirchturm tatsächlich ganz ein. In Cantate Domino, am Dornbusch, in der Phillippus- und der Wartburgkirche sind die Türme auf ihre Glockenträgerfunktion reduziert, wie man sie aus frühchristlicher Zeit kennt. Der Turm der Bergkirche ist dagegen mit seinen 42 Metern weithin gut sichtbar: Architekt Werner Neumann fand, die lange Friedhofsmauer am Hainer Weg verlange ein Intervall.

Markant ist auch der Kirchturm der Gethsemanekirche, die 1970 eingeweiht wurde. „Die nach den Plänen des Architekten Hans Georg Heimel errichtete Kirche sollte nach dem Wunsch des Kirchenvorstands Aufmerksamkeit erregen und Außenstehende zur Teilnahme am kirchlichen Leben einladen“, schreiben Telschow/Proescholdt. „Wer heute die Eckenheimer Landstraße herauf- oder herunterkommt, sieht schon weitem den markanten Kirchturm. Ob dieser oder der zylinderartige Treppenhausturm aus nacktem Beton einladend wirken, dürfte eine Frage des Geschmacks sein.“

Weiterlesen im Dossier: Kirchen der 1860er Jahre

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 5. November 2016 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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