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Von – 8. November 2016

Wenn Mensch und Maschine verschmelzen

Vom Holzbein über den Herzschrittmacher zum Cochlea-Implanatat: Menschliche Körper wurden schon immer mit Hilfe von Technologie ausgebessert. Aber heute sind die Möglichkeiten dafür viel größer als früher. Ein Interview mit Toni Gleitsmann vom Verein Cyborg e.V.

Toni Gleitsmann engagiert sich bei "Cyborg e.V." für eine demokratische Weiterentwicklung von Technologie im menschlichen Körper. Foto: Antje Schrupp

Toni Gleitsmann engagiert sich bei „Cyborg e.V.“ für eine demokratische Weiterentwicklung von Technologie im menschlichen Körper. Foto: Antje Schrupp

Herr Gleitsmann, Sie sind Mitglied in dem 2014 gegründeten Verein Cyborg e.V. Laut Internetseite geht es Ihnen um die „Förderung und kritische Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik“. Wollen Sie den Körper abschaffen?

Nein, die Idee ist nicht, wie der Transhumanismus es sieht, einen Menschen 2.0 zu schaffen, sondern wir gehen eher davon aus, dass zum Menschsein sowieso eine Art Evolution gehört. Die technische oder die elektrische Erweiterung des Körpers ist einfach nur eine konsequente Weiterführung der Entwicklung des Menschen generell. Im Prinzip macht es ja keinen Unterschied, ob wir uns ein Retina-Implantat ins Auge einsetzen, um wieder sehen zu können, oder ob wir uns ein Holzbein basteln. Es geht darum, mit Hilfe von Technik etwas leisten zu können, das wir ohne Technik nicht leisten könnten. Das ist gar nichts Neues in der Entwicklung der Menschheit, nur dass die Möglichkeiten eben immer weiter wachsen. Was vor 150 Jahren die Brille war, ist heute eben das Smartphone. Es ist wichtig, diese Entwicklung aktiv mitzugestalten. Denn es gibt die große Gefahr, dass all die technischen Möglichkeiten zu einer Zweiklassengesellschaft führen.

Aber vergrößert nicht die Möglichkeit einer technologischen Erweiterung des menschlichen Körpers genau diese Gefahr, weil die Reichen sich alles Mögliche dazukaufen können, während die Armen mit dem zurechtkommen müssen, was sie von Natur aus haben?

Das ist richtig, aber wir werden diese Entwicklung ja nicht aufhalten können. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass sie transparent und offen abläuft. Die Gefahr ist nämlich, dass die großen Konzerne ihr Wissen für sich behalten und es möglichst teuer verkaufen. Und dann kann sich das nur eine kleine Elite leisten. Wir fordern, dass die Technologie offengelegt wird, dass das alles für jeden Menschen nachvollziehbar ist. Dass sich die Einzelnen nicht einfach ausliefern und die Kontrolle darüber abgegeben müssen. Wir wollen, dass man die Technologie gegebenenfalls selber nachbauen kann, vielleicht mit einfacheren Mitteln.

Also keine geheimen Betriebssysteme in Implantaten, die das Eigentum großer Konzerne sind?

Genau. Einer der Gründer unseres Vereins, Enno Park, hat zum Beispiel ein Cochlea-Implantat, das ihm hilft, zu hören. Er möchte selber darauf Einfluss haben, wie es funktioniert und wie es programmiert ist. Ich finde das total nachvollziehbar, aber rein rechtlich darf er das Gerät nicht verändern. Obwohl es doch ein Bestandteil seines Körpers ist. Das ist ein ethisches Problem.

Ein Unterschied zwischen diesen heutigen Möglichkeiten und dem klassischen Holzbein ist ja, dass das Holzbein letzten Endes nur einen gesunden Ausgangszustand – nämlich dass ein Mensch normalerweise  zwei Beine hat – wiederherstellen sollte. Aber was jetzt passiert, geht darüber hinaus. Man kann den Körper mit Funktionen ausstatten, die er von Natur aus nicht hätte, zum Beispiel könnte man mit Cochlea-Implantat theoretisch Frequenzen hören, die das menschliche Ohr eigentlich nicht wahrnimmt.

Ja, aber das ist doch normal. Menschen haben schon immer versucht, ihren Horizont zu erweitern, nicht nur bis zur nächsten Ecke zu schauen, sondern auch dahinter. Christoph Kolumbus und Marco Polo haben das auf einer räumlichen Ebene gemacht, indem sie die Welt erkundeten. Heute bewegen wir uns eben auf einer innerlichen Ebene. Und es ist ja nichts Unnatürliches dabei. Was die Maschinen dem Menschen ermöglichen, existiert ja bereits in der Tierwelt. Manche Tiere hören diese Frequenzen und sehen diese Farben, bloß wir Menschen können das noch nicht. Von daher geht es nicht darum, etwas Neues zu erschaffen, sondern nur darum, vorhandene Möglichkeiten zu realisieren.

Haben Sie selber an sich auch schon irgendwas verbessert?

Nein, an mir ist alles noch original. Klar spielt man ab und zu mal mit dem Gedanken, aber irgendwie fehlt dann doch immer die Zeit. Der Nutzen ist auch bei vielen Sachen heute noch nicht so wirklich gegeben. Aber lustig wäre es natürlich schon mal.

Ist das denn überhaupt erlaubt? Wie ist denn da die rechtliche Situation, was darf ich mit meinem Körper machen?

Im Prinzip können Sie mit Ihrem Körper machen, was Sie wollen, Sie schaden ja nicht Dritten damit. Allerdings würde sich die Person, die einen Eingriff an ihnen durchführt, unter Umständen strafbar machen. Rein theoretisch müssten zum Beispiel Implantate oder das Einsetzen von Chips unter der Haut von Ärzten durchgeführt werden. Die dürfen es aber nicht machen, weil es kein medizinisch notwendiger Eingriff ist. Daher läuft das Ganze momentan auf die Piercer raus. Schönheitschirurgen könnten es natürlich auch machen, aber die bewegen sich auf ganz anderen Gehaltsleveln. Für eine Behandlung bei denen ist man locker mal ein paartausend Euro los.

Und das kann sich die kleine Cyborg-Community in Deutschland nicht leisten.

Genau, diese Kundschaft ist auch gar nicht interessant für Schönheitschirurgen. Die Piercer hingegen sind sowieso schon in dieser Nische, sie beschäftigen sich ja ohnehin mit Körper-Modifikation.

Es gibt bei dem Ganzen noch einen anderen Aspekt: Wenn sich alle Menschen individuell modifizieren, ist irgendwann ja gar keine Vergleichbarkeit mehr gegeben. Das fing bereits an mit der Frage, ob ein Sportler wie Oskar Pistorius mit Beinprothesen nicht gegenüber Läufern mit natürlichen Beinen im Vorteil ist. Müssen wir irgendwann die Olypmpischen Spiele abschaffen, weil wir als Menschen gar keine vergleichbaren Körper mehr haben, die sinnvollerweise eine Konkurrenz zueinander bilden können?

Das ist eine Frage, die mich auch interessiert, da ich jahrelang selber Leistungssportler war. Allerdings haben wir dieses Problem mit dem Doping ja sowieso. Es gibt im Übrigen auch Olympia für Cyborgs, den so genannten Cybathlon. Da geht es dann tatsächlich mehr so in die Richtung von Motorsport.

Also: Wer hat den Körper am besten getuned?

Ja, wer hat die beste Symbiose zwischen Maschine und Mensch geschaffen. Es wird da noch sehr lange parallele Entwicklungen geben. Es wird auch bestimmt nicht so sein, dass sich irgendwann mal jeder Mensch modifiziert haben wird. Das wäre jedenfalls überhaupt nicht unser Bestreben. Wir treten dafür ein, dass jeder es so machen kann, wie er möchte, und dass Menschen mit modifizierten Körpern genauso okay sind wie Menschen mit nicht modifizierten Körpern.

Eine Frage habe ich noch, und die betrifft die Anbindung an das Internet. Da kennen wir seit den „Borg“ aus der Fernsehserie Star Trek das Problem, dass man in dem Moment, wo man an ein Computernetz angeschlossen wird, kein Individuum mehr ist. Unser Körper ist letztlich das, was uns nach außen hin abgrenzt, was uns von allen anderen trennt und damit zu Einzelnen, zu Individuen macht. Mein Smartphone kann ich noch weglegen, wenn es jemand hackt. Aber wenn es nun tatsächlich in meinem Körper implantiert wäre, dann könnte jemand über das Internet in meinen Körper eindringen.

Ja, das sind so Fragen, mit denen wir uns als Gesellschaft beschäftigen müssen. Eine definitive Antwort darauf haben wir als Verein auch nicht, wir plädieren jedenfalls nicht für direkte Links ins Internet. Allerdings wäre zu diskutieren, ob nicht auch ein Gerät, das ich weglegen kann, ein wesentlicher Teil von mir selbst sein kann. So dass es wie eine Art Amputation wäre, wenn mir jemand mein Smartphone wegnähme.

Wie bewerten Sie denn die Sterblichkeit? Könnte man irgendwann so viel am menschlichen Körper austauschen, dass man nicht mehr stirbt?

Das ist natürlich wirklich eine Frage, die an die Grenzen geht. Für uns ist der Mensch immer noch ein Mensch, und zum Menschsein gehört dazu, dass man stirbt. Das ist nunmal so, denn Biologie zerfällt irgendwann. Allerdings gibt es auch längst biologische Erweiterungen des Körpers, Tissue-Engineering und dergleichen, also dass biologische Materie künstlich hergestellt wird. Vermutlich wird es irgendwann eine extreme Vermischung von Mensch und Technik geben, weil man alle Teile des Körpers austauschen kann. Und vielleicht ist es dann tatsächlich schwierig zu entscheiden, ob es noch ein Mensch ist oder kein Mensch mehr, sondern ein Roboter. Aber das läuft nicht wirklich auf das hinaus, was wir anstreben. Wir wollen, dass sich jeder Mensch so entwickelt wie er sich entwickeln kann und möchte, und dabei wollen wir sicherstellen, dass die soziale Schere möglichst nicht zu sehr auseinandergeht. Dass nicht alles einfach nur nach dem Willen der fünf größten Konzerne abläuft und niemand mehr eine Chance hat, irgendetwas dagegen zu tun.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 8. November 2016 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe , .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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