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Von – 13. Dezember 2016

Nackt und bloß? – Nein, danke! Von der Sehnsucht der Menschen, ihren verletzlichen Körper loszuwerden

Der Körper schließt uns ein, macht uns aber auch aus. Ohne Körper sind wir nichts, aber mit Körper müssen wir leiden und sterben. Kein Wunder, dass unser Verhältnis zu ihm meist zwiespältig ist. Über Transhumanisten, Leibphilosophinnen und Cyborgs.

"Transgenerativ": In dieser Collage mischte die Künstlerin Annegret Soltau die Körper von vier Generationen ihrer Familie: den eigenen, den ihrer Tochter, ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Fotos mit frdl. Genehmigung der Künstlerin.

„Transgenerativ“: In dieser Collage mischte die Künstlerin Annegret Soltau die Körper von vier Generationen ihrer Familie: den eigenen, den ihrer Tochter, ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Fotos mit frdl. Genehmigung der Künstlerin.

Im Jahr 2045 ist es soweit. In nicht einmal dreißig Jahren werden Computer intelligenter sein als Menschen. Eine neue Ära beginnt: der Transhumanismus. Nicht mehr die Menschen stehen dann an der Spitze der Evolution, sondern Roboter. Was keineswegs schlimm ist, sondern die Erfüllung eines uralten Menschheitstraums – Unsterblichkeit. Endlich werden wir den biologischen Körper los, der uns mit Krankheiten plagt und letztlich dran schuld ist, wenn wir sterben. Unser Bewusstsein, unsere Individualität werden in Computern ein neues, stabileres Zuhause finden.

Leute, die solche Szenarien entwickeln, sind keineswegs Spinner, sondern hoch dekorierte Professoren und Wissenschaftler. Der Informatiker Ray Kurzweil zum Beispiel, der wegen seiner steilen Thesen so eine Art Popstar des Transhumanismus geworden ist, hat 18 Ehrendoktortitel, berät amerikanische Präsidenten und ist zurzeit Chefentwickler bei Google.

Aber mal ganz abgesehen davon, ob so etwas tatsächlich jemals möglich ist: Wäre es denn überhaupt wünschenswert, den Körper abzuschaffen? Was genau bliebe von uns Menschen übrig, wenn wir den Körper abziehen? „Der Leib ist das, was man selbst wirklich ist“, sagt Annegret Soltau. Die Darmstädter Künstlerin stellt in ihren Collagen den menschlichen Körper in den Mittelpunkt, und zwar vor allem ihren eigenen und den ihrer Familie. Denn Körper sind immer eine sehr persönliche Angelegenheit. Sie sind keine kopierbaren Daten, sie sind Unikate.

Soltau bezieht sich dabei auf die Leibphilosophie, eine Richtung der Philosophie, die sozusagen das Gegenmodell zum Transhumanismus darstellt: Sie bindet die Möglichkeit menschlicher Erkenntnis direkt an den Körper. Während die klassische Philosophie in der Körperlichkeit meist ein Denkhindernis gesehen hat (körperliche Empfindungen wie Hunger, Schmerz oder Lust lenken ab, stören die Konzentration und Objektivität), macht Leibphilosophie den Körper zur Bedingung des Erkennens: Wer nichts spürt, wer keine Sinne hat, kann auch nichts „wahrnehmen“.

Das Verhältnis von Leib und Seele, von irdischer und himmlischer Existenz ist auch in den Religionen nicht ganz einfach. Speziell das Christentum gilt vielen als „leibfeindlich“, denn viele Kirchenväter haben Sex und andere leibliche Genüsse verdammt zugunsten einer geistigen Spiritualität, die ganz auf das Jenseits ausgerichtet ist. Andererseits ist das Christentum die einzige monotheistische Religion, die sogar Gott selbst als körperliches Wesen begreift: In Jesus Christus wird Gott geboren, ein Mensch wie wir alle. Und wie wir alle litt er Schmerzen und starb. Diese Vorstellung von Gott als körperlich Leidendem ist ein zentraler Punkt, den Jüdinnen oder Muslime nicht nachvollziehen – für sie ist Gott das ganz Andere, das gerade nicht Menschliche.

Zumal der Körper jede einzelne von uns nicht nur abhängig von der Hilfe und Zuwendung anderer macht, sondern auch zu etwas Besonderem, zu einem Individuum. Körper sind konkret, nicht universell. Der Körper schließt uns ein, macht uns aber auch aus. Ohne unseren Körper wüssten wir nicht, wo wir aufhören und wo die Umgebung anfängt. Wenn wir irgendwann unser „Ich“ in einen Computer übertragen könnten und damit potenziell auch ins Internet, dann gingen wir als Einzelne im Kollektiv verloren. So wie die „Borg“ aus der Fernsehserie Star Trek, die wussten: Widerstand ist zwecklos.

Aber markiert der Körper denn heute überhaupt noch die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich? Toni Gleitsmann ist da anderer Ansicht: „Mein Smartphone ist auch ein Teil von mir. Wenn es mir weggenommen wird, ist das genauso, wie wenn mir jemand die Brille oder das Hörgerät wegnimmt.“ Ohne Smartphone sind wir behindert.

Toni Gleitsmann ist Mitglied bei „Cyborg e.V.“, einem Verein, der die Verschmelzung von Mensch und Maschine politisch begleitet. Das Wort „Cyborg“ steht für „kybernetischer Organismus“, also die Verbindung von Technik und Biologie. „Die technische Erweiterung des Körpers ist einfach nur eine konsequente Weiterführung der Entwicklung des Menschen generell“, sagt der 28-Jährige, der als Hoteldirektor arbeitet. „Im Prinzip macht es ja keinen Unterschied, ob wir uns ein Retina-Implantat ins Auge einsetzen, oder ob wir uns ein Holzbein basteln. Es geht darum, mit Hilfe von Technik etwas leisten zu können, das wir ohne Technik nicht leisten könnten.“

Anders als bei der Prothesenindustrie, die ihren Boom nach dem Ersten Weltkrieg hatte, geht es heute aber nicht mehr nur darum, den „normalen“ Zustand eines Körpers wieder herzustellen nach Krankheit, Unfall oder eben Krieg. Sondern es geht darum, den Körper grundlegend zu verändern: Mit Hörimplantaten kann man Frequenzen hören, die das Ohr eigentlich nicht wahrnimmt. Wenn man sich Magneten unter die Haut implantiert, zieht der Finger metallische Gegenstände an, was er normalerweise ja nicht tut.

Den menschlichen Körper mit Hilfe von Technik quasi zu „tunen“ ist unbestreitbar eine verlockende Idee, und der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. „Wir werden diese Entwicklung nicht aufhalten können“, ist Gleitsmann überzeugt. „Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass sie transparent abläuft.“ Sein Cyborg-Verein fordert zum Beispiel, dass die entsprechende Technologie nicht das Eigentum großer Konzerne bleiben darf, wo sie ausschließlich ökomischen Interessen dient, sondern dass die Nutzerinnen und Nutzer selbst die Rechte an den Implantaten in ihrem Körper haben.

„Es besteht die Gefahr, dass die Möglichkeiten der technologischen Erweiterung des Körpers zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft führen“, warnt Gleitsmann. Schon jetzt ist die Lebenserwartung reicher Menschen um bis zu fünf Jahre höher als die von Armen. Je mehr Möglichkeiten es gibt, den eigenen Körper technisch zu „verbessern“, umso mehr wird sich diese Kluft vergrößern, wenn es nicht gelingt, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen.

Roboter, die die Menschheit ersetzen, bleiben wohl erstmal eine Illusion. Aber den unverändert „natürlichen“ Körper gibt es genauso wenig. Menschen haben ihre Körper schon immer mit Technik verändert. Neu ist heute nur, dass es viel mehr Möglichkeiten dazu gibt. Umso wichtiger ist es, sie sozial verantwortlich zu nutzen.

Weitere Informationen: Interviews zum Thema

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 13. Dezember 2016 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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