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Von – 30. Januar 2017

„Abkehr vom Mammon bleibt zentrale Aufgabe des Christentums“

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg war ein passender Bibeltext für Sven Giegold. Der Attac-Mitgründer und Grünen-Politiker eröffnete eine Predigtreihe zum Reformationsjahr in der Bockenheimer Jakobskirche.

Sven Giegold bei seiner Predigt in der Jakobskirche in Bockenheim. Foto: Rolf Oeser

„Die Letzten werden die Ersten sein“ – wohl alle kennen diesen Satz, und die meisten wissen vermutlich auch, dass er in der Bibel steht. Er ist das Fazit aus dem Gleichnis, das Jesus von den Arbeitern im Weinberg erzählt.

Ein passendes Thema für Sven Giegold, der als Gastprediger in der Jakobskirche in Bockenheim eine Predigtreihe zum Lutherjahr eröffnete. Giegold ist Mitbegründer von Attac-Deutschland und Mitglied der Grünen Fraktion im Europäischen Parlament. Außerdem ist er Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages und engagiert sich für einen ökumenischen Kirchentag.

Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäusevangelium, Kapitel 20) geht es um die Frage, was gerecht ist. Erzählt wird gewissermaßen eine „antike Sozialschmarotzerdebatte“, wie Giegold sagte: Der Besitzer des Weinberges bezahlt allen seinen Arbeitern denselben Lohn für den Tag, sowohl denen, die er schon früh morgens eingestellt hatte, als auch denjenigen, die erst Mittags oder gar Nachmittags dazu kamen. Dagegen protestieren die Tagelöhner, die den ganzen Tag gearbeitet haben, obwohl die Summe genau dem entspricht, was sie am Morgen mit dem Weinbergbesitzer ausgehandelt hatten. Doch sie fühlen sich benachteiligt, weil die anderen nun dasselbe bekommen.

Auch heute herrschten ähnliche Verhältnisse, sagte Giegold: Es gibt einen Überschuss an Arbeitskräften, der Arbeitgeber kann die geeignetsten Arbeitskräfte auswählen. Am längsten auf Arbeit warten die Schwächsten. Auch heute gibt es „Tagelöhner“, also Menschen, die ohne jede Absicherung dem gnadenlosen, existenziellen Wettbewerb ausgesetzt sind. Sie bauen unseren Kaffee an, setzen unsere Smartphones zusammen, verdingen sich in der Prostitution.

Das Gleichnis wende sich gegen „den falschen Glauben eines Leistungschristentums“, so Giegold, gegen ein Christentum, das rechnet und berechnet und gegen das sich auch Luther mit seinem Widerstand gegen den Ablasshandel gewehrt habe. Der Weinbergbesitzer – der im Gleichnis für Gott steht – ist großzügig gegenüber denen, die nur wenig geleistet haben, barmherzig und gütig gegenüber den Schwächsten, die oft nicht einmal eigene Stimme haben. So soll es nach Gottes Willen im „Himmelreich“ zugehen: Es orientiert sich an dem Bedürfnis des Schwächsten, an den Grundbedürfnissen der Letzten also, nicht an der Leistungsfähigkeit des Ersten. „Ihre Bedürfnisse zählen, unabhängig davon, ob den ganzen Tag über nach ihrer Arbeitskraft Nachfrage bestand oder nicht.“ Dies, betonte Giegold, sei nicht als zukünftige Utopie zu verstehen, sondern als aktuelle ethische Verpflichtung.

Eine solche Güte zeige sich gegenwärtig etwa in der großen Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen oder in dem Boom an Sozialunternehmen, die ethische Ziele verfolgen und nicht nur nach Gewinnmaximierung trachten. Auch heute gebe es Spielraum für die Gestaltung von gerechten Wirtschaftsordnungen, von fairem Handel etwa, der menschliche Grundrechte und eine Öffnung der Märkte vereinbart.

Die zentrale Frage, so Giegold, sei für ihn, warum 2000 Jahre nach der Niederschrift dieses Gleichnisses und 500 Jahre nach Luther diese Problemlage immer noch hochaktuell sei. „Was hält uns gefangen? Was ist es, was dafür sorgt, dass letztlich die Geldliebe dominiert?“ Die Abkehr vom „Mammon“, die schon Luther gepredigt habe, bleibe eine der zentralen Aufgaben des Christentums.

Die nächsten Predigten in der Reihe sind am Sonntag, 26. Februar (Arndt Brummer, Chefredakteur von Chrismon) und am Sonntag, 26. März (Christina Aus der Au, Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags), jeweils im Gottesdienst um 10 Uhr in der Jakobskirche am Kirchplatz in Bockenheim.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 30. Januar 2017 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

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Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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