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Von , – 15. Februar 2017

„Ganz tief angelegte Wünsche haben die Tendenz, in Erfüllung zu gehen“

Widerspricht es nicht der Vernunft, zu glauben, dass Brot und Wein im Abendmahl nicht nur symbolisch, sondern real und substanziell in Leib und Blut Christi verwandelt werden? Und warum trinken im katholischen Gottesdienst nur die Priester den Wein? Antje Schrupp befragte den Frankfurter katholischen Stadtdekan Johannes zu Eltz.

Evangelisches Frankfurt: Worüber streiten sich die Konfessionen eigentlich beim Abendmahl und ist das heute eigentlich noch wichtig?

Johannes zu Eltz: Gott sei Dank streiten wir uns nicht mehr so wie früher, aber auch leider Gottes streiten wir uns nicht mehr. Ich glaube, dass da beides in den Blick zu nehmen ist: Gott sei Dank, weil die verletzenden, polemischen und dem anderen den Glauben absprechenden Formen der Auseinandersetzung an einer Stelle, wo jeder Christ sehr empfindlich ist, unendlichen Schaden angerichtet haben, bei den Einzelnen, aber auch in den kirchlichen Gemeinschaften. Das kann man sich nicht zurückwünschen. Diese Härte der Auseinandersetzung sowohl innerevangelisch also auch im Verhältnis mit der katholischen Kirche gehört ein für alle Mal der Vergangenheit an. So reden wir nicht mehr miteinander. Leider Gottes ist uns aber auch die Leidenschaft für das Abendmahl und das, was der Herr damit wirklich wollte, ein bisschen abhanden gekommen. Dass wir nicht mehr streiten, hat nicht nur mit erledigten Fragen zu tun, sondern auch mit Wurschtigkeit. Dass es vielen Leuten nicht mehr im Leben und im Sterben in allererster Linie darum geht, mit Christus verbunden zu werden, das ist auch ein Befund, der über konfessionelle Grenzen hinweggeht. Das Abendmahl ist aber immer noch wichtig und bleibt es auch bis zur Wiederkunft des Herrn, weil es die hauptsächliche von ihm gewollte Weise der Verbindung mit ihm ist. Das gilt evangelisch wie katholisch gleichermaßen. Wir müssen uns darum bemühen, dass wir dabei den Willen Jesu verstehen. Und zum Willen Jesu gehört ausdrücklich dazu, dass wir alle eins sind und in der Weise, wie wir ihn empfangen, mit ihm umgehen und Gemeinschaft mit ihm halten, dass wir da zur Einheit und Einmütigkeit untereinander finden.

Vermutlich hat der Streit um das Abendmahl auch deshalb an Bedeutung verloren, weil viele Menschen sich heute nicht mehr wirklich vorstellen können, dass durch diesen Akt tatsächlich eine Verbindung mit Christus hergestellt wird.

Zu Eltz: Ja, das meinte ich vorhin. Das ist, scharf formuliert, Glaubensverlust. Das wäre Martin Luther, dessen wir ja in diesem Jahr gedenken, völlig fremd, und er würde mit Empörung auf solche Gleichgültigkeit reagieren. Luther hat gesagt, ganz katholisch, das Wort steht zu gewaltig da in der Schrift: „Das ist mein Leib“. So wollte Christus unter uns gegenwärtig bleiben, nicht in einer herrscherlichen Gestalt, sondern als einer, der dient, als Lebensmittel gleichsam, als Wegzehrung für die Leute, die unterwegs sind durchs Leben. Und wenn er das so gesagt hat, dann müssten Christen, die von sich sagen, dass sie Christus nachfolgen, sich auch daran halten. Wir können uns die Formen, in denen wir Gemeinschaft mit ihm haben wollen, nicht einfach selber aussuchen, sondern da bleiben wir an das Zeugnis von Schrift und Überlieferung gebunden.

Nun leben wir heute aber in einem vernunftbestimmten Zeitalter, und viele Menschen haben den Anspruch, etwas auch zu verstehen, bevor sie es glauben. Und da ist ein reformiertes Verständnis vom Abendmahl, das darin einen symbolischen Akt sieht, eher verstehbar als der Glaube an eine substanzielle Wandlung von Wein und Brot in Blut und Leib Christi. Das wäre ja wirklich ein Wunder. Glauben Sie das wirklich, dass diese Wandlung geschieht?

Zu Eltz: Also ich denke, dass es nicht in erster Linie der Verstand und die Bedingungen der Rationalität sind, die einer Abendmahlfrömmigkeit im Wege stehen, sondern ein abgekühltes und ausgeglühtes Verhältnis zu Christus überhaupt. Wenn die Sehnsucht, mit ihm in Verbindung zu sein, mit ihm zu leben oder aus seiner Kraft zu leben, groß ist, dann wird man mit aller Leidenschaft danach suchen, sich mit ihm zu verbinden. Dann ist das Wunder der Eucharistie, sage ich jetzt mal katholisch, nicht kleiner, aber es erfüllt einen ganz tief in mir angelegten Wunsch, und ganz tief angelegte Wünsche haben die Tendenz, in Erfüllung zu gehen. Wenn ich mich wirklich mit Christus vereinen möchte und ohne ihn nicht leben kann, keine Woche oder eigentlich keinen Tag, dann wird er mir seine Gegenwart und seine Anwesenheit nicht versagen.

Aber in Fleisch und Blut?

Zu Eltz: Fleisch und Blut heißt ja im Wesentlichen „Ganz und gar wirklich und nicht ausgedacht“. Die Abgrenzung geht gegen das Selbstgemachte. Das ist ja ein tief evangelisches Anliegen: Es soll kein Menschenwerk sein. Es soll nicht so sein, dass wir Christus bloß in einer gedanklichen Annäherung wahrnehmen, wie man sich einem anderen historischen Ereignis empathisch oder nachspürend annähert. Das wäre keine wirkliche, wirksame, mein Leben unmittelbar beeinflussende, mir in Fleisch und Blut übergehende Verbindung, das wäre zu wenig.

Soweit würde Luther ja auch noch mitgehen, er lässt ja das Mysterium im Vollzug des Abendmahls selbst offen, er wollte es, anders als die Reformierten, nicht nur symbolisch sehen. Aber warum ist es in katholischem Verständnis so wichtig, dass sich die Substanz dauerhaft wandelt und Brot und Wein auch über das Abendmahl hinaus Leib und Blut Christi bleiben?

Zu Eltz: Ich denke, das kommt aus der mittelalterlichen Betonung der Elemente der Eucharistie, also der Brot- und der Weinsgestalt, in der sich Christus darreicht. Da sind wir im Laufe der Jahrhunderte auch in der katholischen Kirche Wege gegangen, die Fixierung auf die Elemente selber hat inzwischen einer weiteren Betrachtungsweise Raum gemacht. Nicht die Wandlungsworte sind das einzig entscheidende, sondern die Eucharistie in ihrem ganzen Zusammenhang mit der Verkündigung des Wortes und auch in der Weise, wie sich die Eucharistie dann in die Welt hinaus öffnet und nach Gemeinschaft auch mit den anderen sucht.

Noch eine letzte Frage, warum trinken in der katholischen Kirche nur die Priester den Wein, aber nicht die Gemeinde?

Zu Eltz: Also das ist von allen Gründen, die uns die Kirchentrennung eingetragen haben, der oberflächlichste und der dümmste.

Aber auch einer der offensichtlichsten.

Zu Eltz: Ja, aber er ist gar kein Grund und war eigentlich auch nie einer. Evangelische Schriftbezogenheit hat aus den Einsetzungsberichten unwiderleglich den Kelch für alle erkannt und gefordert und Katholiken haben dann in gegenreformatorischem Modus darauf insistiert, dass auch nur unter der Brotsgestalt der ganze Christus empfangen wird. Jederzeit hätte man sagen können, dass nicht geweihte Gläubige vom Empfang auch der anderen Gestalt nicht ausgeschlossen werden können, und in kleinen Gemeinden wo es keine praktischen Schwierigkeiten dabei gibt, ist es bei längst selbstverständlich, dass wir auch den Gläubigen den Kelch reichen. Ich mache das in jeder Messe mit kleinen Gemeinden. Am Gründonnerstag, wenn die Einsetzung des Abendmahls selber Thema ist, machen wir das ja auch feierlich. Es bleiben an der Stelle wirklich nur praktische Gründe übrig, dass in der Weise, wie wir Gottesdienst feiern, das Hinreichen des Kelches für alle bei unseren immer noch großen Gottesdienstzahlen einfach den zeitlichen Rahmen sprengen würde. Das ist der einzige Grund, den ich erkennen kann. Alle anderen theologischen Gründe sind an den Haaren herbeigezogen.

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Artikelinformationen

Beitrag von , , veröffentlicht am 15. Februar 2017 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Hermann-Josef Hake schrieb am 17. Februar 2017

    Brot und Wein als Leib und Blut Christi ist nach Martin Luthers „sola scriptura“ selbstverständlich.

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