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Von – 18. Februar 2017

Mahnmal für 43 ins KZ verschleppte Kinder in Sachsenhausen

Im September 1942 haben die Nationalsozialisten von Sachsenhausen aus 43 jüdische Kinder ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und später in Auschwitz ermordet. Auf Initiative von Kirchengemeinde und Privatleuten wird für die Kinder nun ein Mahnmal errichtet und der Ort „Platz der vergessenen Kinder“ benannt.

Purim-Fest im jüdischen Kinderhaus, vermutlich 1938. Foto: Privat.

Ein Dreidel ist ein Kreisel mit vier Seiten: Ein traditionsreiches jüdisches Kinderspielzeug, das vor allem während des Chanukkafestes von Kindern gedreht wird. Ein solcher viereckiger Kreisel ist die Grundform für das Mahnmal, das sich die schwedische Künstlerin Fillippa Pettersson für den „Platz der vergessenen Kinder“ in Sachsenhausen ausgedacht hat. Hier, an der Ecke Hans-Thoma-Straße/Gartenstraße, stand vor dem Krieg eine Villa, in der ein jüdisches Kinderheim untergebracht war.

Groß und in Bronze soll der abstrahierte Dreidel der Städelschulabsolventin in Kürze daran erinnern, dass 43 jüdische Kinder und ihre Betreuerinnen und Betreuer am 15. September 1942 aus dem „Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge“ nach Theresienstadt deportiert und später in Auschwitz ermordet wurden.

Der Entwurf für das Mahnmal stammt von Fillippa Petterson

„Unter den vier Bewerbungen auf die Ausschreibung des Kulturamts der Stadt hat uns Fillippa Petterssons klarer Entwurf auf Anhieb am Meisten überzeugt“, sagt Natascha Schröder-Cordes. Die Gemeindepädagogin gehört mit der Sachsenhäuserin Bärbel Lutz-Saal und Pfarrer Volker Mahnkopp von der Maria-Magdalena-Gemeinde zur Initiative „Jüdisches Kinderhaus Hans-Thoma-Straße 24“, die sich seit einigen Jahren um die Errichtung eines Mahnmals an dieser Stelle bemüht. „Unser Ziel ist es, als Nachbarn an das zu erinnern, was ehemaligen Nachbarn hier in Sachsenhausen angetan wurde. Wir freuen uns, dass das Mahnmal jetzt endlich Wirklichkeit wird.“

Finanziert wird das Mahnmal durch Spenden. Bärbel Lutz-Saal ist es gelungen,  30.000 Euro für den Dreidel zu sammeln. Volker Mahnkopp hat eine umfangreiche Dokumentation mit Fotos über das Haus und seine Bewohner und Bewohnerinnen zusammengestellt, die man sich schon jetzt per QR-Code auf dem Platz herunterladen kann. Sie steht unter www.platz-der-vergessenen-kinder.de auch im Internet.

Nach dem Willen der Initiative soll neben dem Mahnmal eine Tafel aufgestellt werden, auf der die Namen der 43 deportierten Kinder zu lesen sind. Etwa der von Hilde Betty Thalheimer: Weil sie eine leichte Sprachbehinderung hatte, durfte sie im November 1939 nicht mit ihren Eltern und drei älteren Geschwistern in die USA ausreisen. Sie wurde in das Kinderhaus in der Hans-Thoma-Straße geschickt. Hilde war acht, als sie im September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Es existiert noch eine Postkarte in Blockbuchstaben von ihr: LIEBE MAMA. BIN GESUND. HABE GESTERN EIN ZEUGNIS BEKOMMEN. BIN NOCH IM HEIM. HILDE.

Die Oberin des Kinderhauses wurde der Hamsterei bezichtigt

Seit 2012 erinnert die Initiative „Jüdisches Kinderhaus“  jedes Jahr am 15. September mit einer Gedenkfeier an die Deportation von 1942. Dabei werden Geschichten wie die von Hilde erinnert, aber es kommt auch zur Sprache, wie perfide die Nationalsozialisten die Oberin des Kinderhauses, Frida Amram, 1942 ausschalteten. Weil sie in prekärer Versorgungslage Vorräte für die Kinder anlegte, wurde sie der „Hamsterei“ bezichtigt. Ein Vorwand, um sie inhaftieren und den unrechtmäßigen Kauf des Hauses vorantreiben zu können. Ihre Schwester Goldina Hirschberg, die danach mit ihrem Mann die Verantwortung für die Kinder übernahm, wurde mit ihnen zusammen nach Theresienstadt verschleppt.

„Gedenkfeiern sind wichtig, aber sie gehen auch schnell vorbei“, sagt Schröder-Cordes. „Mit dem Mahnmal wollten wir etwas schaffen, das man nicht wegdiskutieren kann. Gerade in Zeiten, in denen die NS-Vergangenheit von populistischen Lehrern wieder geleugnet oder kleingeredet wird.“

Die Stadt hat der Benennung  in „Platz-der-vergessenen-Kinder“ zugestimmt. Es steht aber noch nicht fest, ob er bei der Einweihung im April schon offiziell so benannt sein wird. Die Stadt finanziert auch die notwendige Umgestaltung des Platzes. Dafür ist im Haushalt zwar kein Geld vorgesehen, aber nach einer ämterübergreifenden Abstimmung fanden sich mehrere städtische Geldtöpfe, die für das Vorhaben angezapft werden konnten.

„Kinder können sich gut mit Kindern identifizieren“

Schirmherr des Projekts ist Oberbürgermeister Peter Feldmann. Zusammen mit Kulturdezernentin Ina Hartwig wird er das Mahnmal am 26. April einweihen. Die Feier wird von Schülern  und Schülerinnen der Schiller- und der Carl-Schurz-Schule mitgestaltet.

„In Sachsenhausen gibt es viele Schulen“, sagt Gemeindepädagogin   Schröder-Cordes. „Kinder können sich gut mit Kindern identifizieren. Deshalb berührt sie das Schicksal dieser jüdischen Kinder und sie nehmen Anteil daran. Und wir wollen, dass in Zukunft nie wieder so mit Menschen umgegangen wird.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 18. Februar 2017 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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