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Von – 13. März 2017

Das Judentum basiert auf der Debatte

Auf Initiative von Rabbinerin Elisa Klapheck ist in Frankfurt ein „Jüdisch-politisches Lehrhaus“ eröffnet worden. Bei der ersten öffentlichen Veranstaltung ging es um Religion als Kritik und Kritik an der Religion.

Horst Brunkhorst, Rabbinerin Elisa Klapheck und Micha Brumlik (von links nach rechts) bei der ersten Veranstaltung im Frankfurter Jüdischen Lehrhaus. Foto: Stephanie von Selchow

Das „Lehrhaus“ soll nach alter jüdischer Tradition ein Diskussionsforum sein und eine politisch-jüdische Reflexion auf die Gegenwart in die Stadt tragen. Zur Auftaktveranstaltung in den neuen Räumen des Stadthauses, direkt neben dem Haus am Dom, hatte Elisa Klapheck Oberbürgermeister Peter Feldmann als Schirmherrn, den Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sowie den Soziologen Hauke Brunkhorst als erste Podiumsgäste gewonnen.

Der Zuspruch war so groß, dass der Platz nicht reichte: 250 Menschen hatten sich angemeldet, im großen Saal des ersten Obergeschosses des neuen Stadthauses dürfen aber nur 170 Stühle gestellt werden. „Ich freue mich sehr über das riesige Interesse, wenn es zum Teil sicher auch durch die Neugier auf diese schönen neuen Räumlichkeiten zu erklären ist“, sagte Klapheck.

Die Bibel und die kritische Auseinandersetzung mit ihr gehören zusammen

Das Judentum basiere nicht allein auf der hebräischen Bibel (im Christentum das Alte Testament), sondern auf einem dialektischen Prozess zwischen dieser Bibel und der kritischen Auseinandersetzung der Rabbiner damit, wie sie im Talmud überliefert ist, erläuterte Klapheck. Durch eigene Ansichten gegenüber Gott werde die Beziehung zu Gott nicht gebrochen, sondern gestärkt. Sie werde an der gesellschaftlichen Wirklichkeit gewogen.

Die jüdische Tradition sei religiös, indem sie zugleich weltlich sei, betonte Klapheck. Die Mensch-Gottes-Beziehung bleibe als dialektische Beziehung bestehen, auch konstruktiv kritisch gegenüber Autoritäten. Diese politische Tradition des Judentums habe auch immer Anteil an der Geschichte Europas gehabt. Der in der Bibel geschilderte Auszug aus Ägypten sei die Blaupause für viele Rebellionen in Europa gewesen. Mit dem politischen Lehrhaus wolle sie den „Anteil an der jüdisch-demokratischen Tradition“ sichtbar machen, sagte Klapheck.

Wie Marx sagt: Kritik an Religion ist die Voraussetzung für alle Kritik

Horst Brunkhorst zunächst heraus, dass alle Religionen auch ungerechte Klassengesellschaften legitimiert hätten. Der jüdische Monotheismus sei anfangs jedoch eine Herrschaftskritik am altägyptischen Königtum gewesen. Sie habe sich später in der Bergpredigt, der Philosophie Kants und dem Marxismus mit ihren Forderungen nach Aufhebung der Ungerechtigkeit fortgesetzt. Es sei, wie Marx sagte: „Kritik an Religion ist die Voraussetzung für alle Kritik.“

Micha Brumlik nahm Bezug auf eine „anti-fundamentalistische“ Geschichte im Talmud. Im „Ofen von Achnai“ kann Rabbi Eliser seine Vorstellung von Reinheit nicht durchsetzen, denn die Mehrheit der anderen Rabbiner setzt sich selbstbewusst gegen ihn und sein Verhältnis zu Gott durch. „Während zur selben Zeit die christlichen Synoden unter Kaiser Konstantin Dogmen einführten, beharrte der Talmud darauf, dass Gottes Wille mehrheitlich ausgelegt werde“, erläuterte Brumlik.

Obwohl Rabbi Eliser in dieser Sache überstimmt und dann sogar verbannt wurde, habe sogar er angesichts des Mehrheitsbeschlusses gelächelt. Klapheck machte auf eine wichtige Differenzierung zum Thema „Mehrheitsmeinung“ aufmerksam, die in Exodus 23,2 steht: „Folge nicht der Mehrheit zum Bösen, und sage in einer Streitsache nicht so aus, dass du Recht beugst, wenn du dich der Mehrheit anschließt.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 13. März 2017 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe , .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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