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Von – 30. März 2017

Gut leben auch im hohen Alter: Was man dafür tun kann

Alt werden und ein Stück der eigenen Autonomie aufgeben, ist nicht einfach. Aber man ist dem Prozess nicht einfach hilflos ausgeliefert. Was man selbst tun kann, damit die letzte Lebensphase gut verläuft.

Foto: YakobchukOlena/fotolia.com

Meine Tante quält sich mit der Frage, ob sie in das Seniorenheim ziehen soll, in dem sie schon lange angemeldet ist. Manchmal ist ihr ihre Wohnung zu groß und sie findet es anstrengend, sich selbst zu versorgen. „Aber wenn mir in so einem Heim alles abgenommen wird, werde ich doch alt  und mache nichts mehr“, sagt die 83-Jährige. Der 86 Jahre alte Vater einer Freundin erzählt ihr immer, dass er joggen geht. „Das kann kaum sein“, sagt meine Freundin. „Aber er will mir sicher damit sagen, dass er sich fit hält.“

„Vom Babyalter über Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter bewegen wir uns zwischen Abhängigkeit und Autonomie“, erklärt Christiane Schrader, Psychoanalytikerin und Leiterin des Instituts für Alterspsychotherapie und angewandte Gerontologie in Frankfurt. Sie war eine der Vortragenden auf dem diesjährigen Fachtag für ehrenamtliche Besuchsdienste, den Barbara Hedtmann, Koordinatorin für Seniorenarbeit in der Evangelischen Kirche Frankfurt, organisiert hat.

Wir sind immer abhängig von anderen

„Im mittleren Erwachsenenalter fühlen wir uns am autonomsten“, so Schrader. „Das ist aber eine Illusion. Wir sind immer abhängig von unseren Mitmenschen und unserer Umgebung. Oft verdrängen wir die Tatsache, dass wir sterben müssen. Freud hat gesagt, wir könnten unseren eigenen  Tod nicht denken.“

Das sei auch völlig in Ordnung, denn wer ständig Panik vor dem Sterben hat, kann kaum leben. Autonomie als höchster Wert des Lebens müsse aber überdacht werden. Ohnehin entstand diese Idee erst im 20. Jahrhundert. Vorher sahen die meisten Menschen sich als Teil einer höheren Ordnung, etwa der Monarchie und der Schöpfung Gottes. Dass sie im Alter von ihren Kindern versorgt werden müssen, war den meisten klar, denn es gab noch keine Renten.

Heute hingegen wird die Phase der relativen Unabhängigkeit immer länger. Zwischen 60 und 80 Jahren können die meisten Menschen ihre Selbstständigkeit mit Hilfsmitteln wie Brillen, Hörgeräten, künstlichen Hüften oder Herzschrittmachern ganz gut erhalten. Doch wer sehr alt wird, wird dennoch irgendwann Hilfe brauchen. „Das Konstrukt der Autonomie negiert Abhängigkeit“, sagte Schrader. „Wir können dem Konflikt aber nicht entgehen.“

Psychologische Hilfe kann auch im Alter noch sinnvoll sein

Dann komme es darauf an, wie man Abhängigkeit in früheren Lebensphasen erlebt hat. Wer lange bevormundet wurde und sich als schwach erlebt hat, reagiert vielleicht aggressiv auf Hilfe. Dann ist es gut, nicht die Augen vor der eigenen Angst und Wut zu verschließen, sondern darüber zu reden. „Psychologische Hilfe kann auch im Alter noch hilfreich sein“ sagte Schrader. „Depression entsteht, wenn man kein Gehör findet.“

Es muss aber nicht immer eine Psychotherapie sein. Auch jemand, bei dem man sich mal heftig beklagen kann, kann helfen, mit dem Alter fertig zu werden. Wenn andere auf Klagen wie „Ich kann nicht mehr“ oder „Ich will nicht mehr“ nicht mit Erschrecken reagieren, sondern liebevoll nachfragen, kann sich das Schwere auflösen. Dann kann ein Enkel, der zu Besuch kommt, das nächste Konzert oder vielleicht der 90. Geburtstag zum Silberstreif am Horizont werden.

Ein guter Rat ist auch, körperliche Schwäche mit geistiger Aktivität auszugleichen. Die Psychologin Margarete Mitscherlich soll mit 94 Jahren gesagt haben: „Wenn mir nachts etwas weh tut und ich nicht schlafen kann, frage ich mich, was ich noch nicht richtig verstanden habe und hole mir  Bücher aus dem Schrank.“ Kreuzworträtsel, Lieblingsmusik oder vielleicht auch alte Fotos können den Zweck ebenso gut erfüllen. Alles, was den Geist beschäftigt und gut tut.

Nicht nur auf Trauriges und Verluste konzentrieren

Wesentlich ist, sich nicht nur auf Trauriges und Verluste zu konzentrieren, die alle erleben, die sehr alt werden. Umso wichtiger ist es, Phantasie zu entwickeln für das, was Freude macht und noch möglich ist. „Schatzsuche statt Fehlerfahndung heißt die Devise“, formuliert es beim Fachtag die Pfarrerin und Gestalttherapeutin Heike Schneidereith-Mauth. „Es geht nicht darum, Leid und Schmerz zu negieren. Aber innere Bilder haben große Macht. Wenn wir uns auf schöne Erlebnisse konzentrieren, aktiviert das dieselben Hirnareale, wie wenn wir es real erleben.“

Schließlich kann vermutlich auch der Glaube helfen. „Es gibt mehrere Studien, die belegen, dass regelmäßige Kirchgänger im Schnitt sieben Jahre länger leben“, sagte die Pfarrerin. „Und sie können mir glauben, dass ich bei solchen Zahlen sehr kritisch bin.“

Die beste Strategie gegen Hilfebedürftigkeit besteht vermutlich aber darin, sie irgendwann einfach anzunehmen. So wie die Diakonisse, die sagt: „Ich habe mein ganzes Leben lang Andere umsorgt und gepflegt, jetzt darf ich selbst auch gepflegt werden.“

Zumal auf einem Gebiet zurzeit große Fortschritte gemacht werden, das für hochaltrige Menschen sehr wichtig ist: Schmerztherapie. Sie ist seit  2014 im Medizinstudium verankert. „Es gibt kaum noch jemanden, der in der letzten  Lebensphase starke Schmerzen haben muss“, sagt Schneidereith-Mauth.

Und: Ein letzter Rest von Autonomie bleibt uns bis zum Schluss erhalten. So begriff es jedenfalls der Psychoanalytiker Erik Erikson, der sagte: „Sterben ist das Letzte, was wir tun.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 30. März 2017 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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