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Von – 21. März 2017

Gute Träume, böse Träume: Ernstnehmen oder ignorieren?

Warum träumen wir und wollen uns unsere Träume etwas sagen? Seit langer Zeit stehen sich bei dieser Frage zwei Lager gegenüber: Die einen suchen einen verborgenen Sinn in Träumen, die anderen halten sie für das Nebenprodukt unwillkürlicher Hirnsignale – ein wildes Funken der Neuronen ohne jede Bedeutung.  

Foto: Fotolia.com/ Africa Studio

Zum zweiten Lager gehört Ursula Voss. „Träume wollen uns nichts mitteilen“, sagt die Frankfurter Forscherin. „Ihr Inhalt ist nicht wichtig, und deshalb ist es auch nicht nötig, dass wir uns an sie erinnern.“ Gut 9000 Kilometer entfernt, an der Westküste der USA, lebt George Domhoff, Doyen der Traumforschung. Er glaubt, dass Träume eine besonders kreative Form des Nachdenkens darstellen und mit dem Wachzustand verwandter sind als bislang angenommen.

Die Hirnforschung belegt, dass die Hirnaktivität im Schlaf noch bei 80 Prozent liegt. Domhoff glaubt, dass im Traum Eindrücke und Erinnerungen wie in einer Werkstatt von Hochkreativen zerlegt und zu etwas Neuartigem zusammengesetzt werden. Seiner Ansicht nach kann die Traumphase dem Menschen auf diese Weise helfen, sein Leben im Wachzustand besser zu bewältigen. Von alltäglichen Problemen wie dem Finden des Autoschlüssels über die Überwindung von Prüfungsangst bis zu Trauerarbeit. Anhand eines über zwei Jahre geführten „Trauerjournals“, das ein Mann nach dem Krebstod seiner Frau führte, kann er zeigen, wie es der Seele gelingt, einen plötzlichen Tod zu verarbeiten.

„Wenn ich im Traum ganz bei mir bin, bin ich bei Gott“

Die Religion steht in diesem Streit eher auf der Seite von Domhoff. „Wenn ich im Traum ganz bei mir bin, bin ich bei Gott“, sagt etwa Kornelia Siedlaczek, Referentin für katholische Erwachsenenbildung, bei einer Podiumsdiskussion über Träume in der Reihe „Heilige Texte“ im Haus am Dom. In der Bibel und im Koran sind Träume „ein Ausdruck der Sprache Gottes, die den Menschen erreichen soll“, sagt Roberto Fabian, Leiter der jüdischen Volkshochschule. Etwa der berühmte Traum von den sieben mageren und den sieben fetten Jahren, mit dem der Josef des Alten Testaments seine Familie und sein Volk rettet.

Weniger bekannt ist die „lebensrettende“ Bedeutung der Träume des neutestamentlichen Josefs, auf die Siedlaczek hinweist: Josef wird von Gott gesagt, dass er seine Frau Maria nicht verstoßen soll, obwohl er nicht der Vater ihres Kindes ist. Gottes Stimme im Traum hilft ihm, das Jesus und Maria vor Verfolgung und Tod zu retten. Aber auch mahnende Träume zeigen in der Bibel den rechten Weg. So träumt der babylonische König Nebukadnezar im Buch Daniel von einem mächtigen Baum, auf den ein heiliger Wächter herab fährt: Er wird abgeschlagen und von Mensch und Tier verlassen, aber sein Wurzelstock bleibt noch in der Erde.

Diktatoren können sich an Nebukadnezar ein Beispiel nehmen

Der jüdische Traumdeuter Daniel erklärt Nebukadnezar, dass er selbst, der König, der Baum sei. Er werde alle seine Macht verlieren und von den Menschen ausgestoßen werden, wenn er nicht erkenne, dass Gott über die Königreiche der Menschen herrsche und sich von seinen Sünden befreie. Nebukadnezar ist klug genug, die Botschaft zu verstehen und ändert sein Leben. Das sei vorbildlich in Zeiten, in denen Diktatoren wie Pilze aus dem Boden schießen, kommentierte Roberto Fabian mit Blick auf die politischen Entwicklungen der Gegenwart.

In der säkularisierten Welt jedoch glauben wir nicht mehr, dass uns die Träume von Gott geschickt werden. Und auch die Freud’sche Vorstellung von Träumen als „Königsweg ins Unbewusste“, in dem sich insbesondere verdrängte sexuelle Wünsche Bahn brechen, gilt in der Forschung heute als überholt. Das Verdienst des Urvaters der Psychologie bleibt, dass der den Weg für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Träumen frei gemacht hat.

Aber nicht nur die Wissenschaft plädiert für einen nüchternen Umgang mit Träumen. Die 10. Sure des Korans etwa besingt zwar, dass Träume die frohe Botschaft Gottes verkünden können. Böse Träume hingegen sind nach muslimischem Glauben vom Feind Allahs geschickt, sagte der Iman Mohammed Johari im Haus am Dom: Man soll sie einfach ignorieren. Auch das ist eine mögliche Strategie zur Lebensbewältigung.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 21. März 2017 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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