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Von – 3. März 2017

„Die meisten werden nicht in ihre Heimat zurückkehren“

Das Gelände an der Gutleutstraße auf dem sich rumänische Arbeitssuchende aus Sperrmüll Hütten gebaut hatten, ist am 21. Februar geräumt worden. Das Ordnungsdezernat argumentierte mit Gefahr im Verzug, weil die Hütten mit Gaskochern beheizt wurden und es bereits gebrannt hatte. Wie es nun weiter geht, fragten wir den Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt, Michael Frase.

Pfarrer Michael Frase leitet das Diakonische Werk Frankfurt. Foto: Rolf Oeser

Evangelisches Frankfurt: Herr Frase, Menschen, die nach Frankfurt kamen, um Geld zu verdienen, hatten sich an der Gutleutstraße eine Bleibe aufgebaut. Jetzt haben sie ihre Unterkunft und viel von ihrem Besitz verloren. Was soll nun geschehen?

Michael Frase: Rund 35 Menschen, die auf der Gutleutbrache lebten, sind in dem Verwaltungsgebäude einer Großunterkunft der Arbeiterwohlfahrt untergebracht worden und werden dort betreut. Die Stadt hat aufgrund eines neuen Gesetzes vier Wochen Zeit, um zu klären, ob sie einen Zugang ins soziale Hilfesystem haben oder nicht.

Nur dann könnten sie die sozialen Hilfen in Anspruch nehmen, die es in Deutschland für Menschen in Notlagen gibt. Aber die Hürden dafür sind hoch, die werden die meisten nicht nehmen können…

Frase: Ja das stimmt. Fünf Jahre dauerhafter Aufenthalt in Deutschland oder eine Erwerbstätigkeit wären Zugangsmöglichkeiten. Die Menschen sind versorgt für die Zeit, die die Stadt Frankfurt braucht, um ihre Situation zu klären. Sie erhalten eine Geldleistung, mit der sie auch eine Rückfahrkarte kaufen könnten, aber die meisten werden nicht in ihre Heimat zurückkehren.

Und dann stehen sie letzten Endes wieder auf der Straße. Was kann die Diakonie tun?

Frase: Wir machen seit einem Jahr das so genannte „MIA-Projekt“, das ist eine multinationale Informations- und Anlaufstelle für neu zugewanderte EU-Bürger und -Bürgerinnen, eine Beratung in der Muttersprache mit dem Ziel, Chancen für die Menschen zu schaffen, und sie in Arbeit zu bringen. Das Projekt ist erfolgreich, wir wollen es verlängern. Das Leben der Menschen auf der Gutleutbrache ist eine humanitäre Anfrage an unsere Stadtgesellschaft. Zugleich ist es die prominente Zuspitzung einer Lebenssituation, die wir an anderen Orten Frankfurts längst auch haben. In der B-Ebene der Hauptwache übernachten cirka 160 Personen jede Nacht, darunter mehr als 80 EU-Bürger und -Bürgerinnen aus Osteuropa. Seit November haben wir unseren Tagestreff „Weser 5“ mit 33 Plätzen im Bahnhofsviertel jede Nacht geöffnet, um Menschen von der Straße zu holen. Wir sind immer voll belegt.

Was passiert, wenn die B-Ebene und der Tagestreff ab Frühjahr niemanden mehr zum Übernachten aufnehmen?

Frase: Ich schaue mit Sorge auf das Ende der Winterkampagne. Ab Ende März sind die Notquartiere zu, der Kältebus fährt nicht mehr, der Druck auf die Straße wird vermutlich größer werden. Auch die Roma, die 2016 vor der Weißfrauen Diakoniekirche schliefen, kamen damals nach der Schließung der Übernachtungsmöglichkeiten zu uns.

Welche Rolle spielt es, dass auf der Gutleutbrache überwiegend Roma lebten?

Frase: Ich finde es schade, wenn von einem „Roma-Lager“ die Rede ist. Das ist stigmatisierend. Ja, es sind überwiegend Roma, aber unsere Straßensozialarbeit sagt, es sind auch Menschen dabei, die sich nicht als Roma definieren. Das ist oft eine zugeschriebene Größe. Ich will das nicht nivellieren, aber die grundlegende Situation ist, dass es Armutsmigranten aus Osteuropa sind. Ob sie Roma sind oder nicht, ist aus meiner Sicht erst in zweiter Linie relevant.

Was halten Sie von einem Roma-Modellprojekt angesichts von Elend und Diskriminierung?

Frase: Für uns sind die Wohnsitzlosen gleich, ihre Lage ist für uns gleichermaßen prekär. Insofern sind wir nicht die Ansprechpartner für eine Roma-Unterkunft. Es gab aus der Politik die Forderung nach einem Boardinghouse. Aber für solch ein Haus müsste ein Konzept entwickelt werden.

Was wären denn erste Schritte, um die Lage zu verbessern?

Frase: Wir müssen zunächst hören, was die Leute selbst wollen. Die meisten wünschen sich eine Verbesserung ihrer Situation, manche fänden eine Wohnung klasse, andere sagen, sie möchten einen Schutzraum, um so leben zu können, wie sie wollen. Die Stadt steckt in einem Dilemma. Sie muss prüfen, wer ins Sozialsystem kommt, und bei den anderen muss sie schauen, was sie humanitär brauchen. Wenn wir die Menschen unterstützen, ist die Frage, welchen Eigenbeitrag sie bereit sind, für ihren Lebensunterhalt beizusteuern. Die komplette Kostenlosigkeit ist nicht in unserem Hilfekonzept vorgesehen, und zwar aus inhaltlichen Gründen.

Aber die Gefahr besteht, dass es unter die Brücke geht.

Frase: Ja, die Gruppe Roma, die vor der Weißfrauen Diakoniekirche lagerte, ist seit Wochen wieder auf der Straße unterwegs. Wir müssen eine humanitäre Lösung finden. Im März tagt ein Runder Tisch zur Gutleutbrache und zum Leben auf der Straße nach der Winteraktion. Die Experten werden sich an die Politik wenden. Wir verstärken unser MIA-Projekt und versuchen, möglichst viele der Bewohnerinnen und Bewohner der Gutleutbrache doch in ein System zu bringen. Wir sind eine Hilfsorganisation, die der Reintegration in die Gesellschaft dient. Wir möchten nicht nur Duschen und Essen anbieten, sondern Hilfe zur Selbsthilfe und ein Leben weg von der Straße.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 3. März 2017 in der Rubrik Lebenslagen, Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe , .

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Susanne Schmidt-Lüer ist Redakteurin und schreibt vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • G. Mueller-Debus schrieb am 4. März 2017

    Klar duerfte sein, dass die Menschen aus dem Gutleut-Slum nicht von heute auf morgen auf die Strasse gesetzt werden duerfen. Klar muss aber auch sein, dass sie hier keine Bleibeperspektive haben : Sie sind als „Touristen“ (beguenstigt durch die EU Zugehoerigkeit Bulgariens und Rumaeniens) hier fuer eine befristete Zeit eingereist und koennen selbstverstaendlich dann nicht den Anspruch erheben, bleiben zu duerfen. Wenn sowas Schule machen wuerde, haetten wir bald das halbe osteuropaeische Prekariat hier. Das kann ja wohl niemand ernsthaft wollen. Den Minderheiten, vor allem in Bulgarien und Rumaenien, muss in ihren Heimatlaendern geholfen werden – und dafuer wendet die EU bekanntlich jaehrlich viele Millionen Euro auf ! Damit ist klar: die Roma, die hier mittlerweile eingesickert sind, sind umgehend zurueckzufuehren in ihr Heimatland – Wiedereinreise ausgeschlossen.

  • Antje Schrupp schrieb am 4. März 2017

    @G. Mueller-Debus – Da sie Bürger_innen eines EU-Landes sind, dürfen sie sich in Deutschland aufhalten und hier Arbeit suchen. Es wäre schön, wenn ihnen in ihren Heimatländern geholfen würde, und wir sollten alles dafür tun, dass das geschieht. Aber solange das nicht der Fall ist, kann man die Menschen wohl nicht davon abhalten, sich irgendwo sonst in Europa eine Perpektive zu suchen.

  • G. Mueller-Debus schrieb am 4. März 2017

    Buerger der EU- Staaten duerfen (als „Touristen“, wenn sie keine direkte Verbindung zu einem Arbeitgeber wegen einer Jobmoeglichkeit haben) , fuer 90 Tage nach Deutschland visafrei einreisen.

    Gelingt es in dieser Zeit nicht, einen Job zu finden, muessen sie nach Ablauf der Frist wieder in ihr Heimatland zurueck. Bleiben sie trotzdem, verstossen sie gegen Rechtvorschriften des gastgebenden Staates. Ein solcher Missbrauch des Gastrechts kann nicht nur nicht zu Anspruechen fuehren, sondern muss gemaess deutscher Rechtsvorschriften geahndet werden.
    Daher gilt es, die Roma aus dem Gutleut-Slum so schnell wie moeglich wieder in ihr Heimatland zurueckzufuehren, Dies waere im uebrigen auch ein klares Signal an andere in Rumaenien / Bulgarien oder sonstwo in Osteuropa, gar nicht erst zu versuchen, sich auf den Weg nach Westeuropa, insbesondere Deutschland zu machen.

    Es kann wohl kein Politiker in Deutschland glaubwuerdig begruenden, weshalb es ein Gebot der Fairness oder der Gastfreundschaft sein soll zuzulassen, dass sich in den grossen Staedten schrittweise Slums bilden, fuer deren Unterhalt dann der deutsche Steuerzahler aufkommen darf, der dann „zur Belohnung“ noch bestohlen und aggressiv angebettelt wird.

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