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Von – 14. März 2017

Herrenclub mit Warteliste: 275 Jahre Freimaurerloge im Bahnhofsviertel

Goethe und Liszt gehörten ihr an, ebenso der Freiherr vom Stein, Heinrich Hoffmann, Conrad Binding und Adolph Diesterweg: Was die Freimaurerloge zur Einigkeit in ihren Annalen an Namen versammelt, liest sich wie ein Who’s Who der Frankfurter Stadtgeschichte. In diesem Jahr wird sie 275 Jahre alt.

Festsaal der Loge zur Einigkeit im Bahnhofsviertel, fotografiert bei der Bahnhofsviertelnacht 2010. Foto: Spiegelneuronen/Flickr.com cc-by-nc-sa

Und die wurde von der 1742 gegründeten Loge auch deutlich mitgeprägt. Unter den Paulskirchenabgeordneten von 1848 waren ebenso wie in späteren Stadtparlamenten viele Freimaurer zu finden, vor allem aber wirkten sie im Bereich Bildung und Kultur. Auch zahlreiche Bürgerstiftungen wie etwa die Polytechnische Gesellschaft gehen auf Logenbrüder zurück.

Die Loge selbst rief 1800 eine „Wohltätigkeitsanstalt zur Einigkeit“ ins Leben, die bis heute Bedürftigen zur Seite steht. Unter anderem fließen jährlich bis zu 200.000 Euro in Stipendien für Studierende. Seit 1970 kümmert sich außerdem die „Altenstiftung zur Einigkeit“ um mittellose alte Menschen, und bei jeder Sitzung werden Spenden für karitative Zwecke gesammelt.

„Frankfurt den Freimaurern einiges zu verdanken“ sagte denn auch Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler kürzlich beim 275. Logenjubiläum. Die „weltoffene Geisteshaltung“ der Freimaurer sei schon immer ein wichtiges Signal gewesen, „in der von Populismus, Abgrenzung und Nationalismus geprägten Gegenwart mehr denn je. Die humanistischen Werte der Freimaurer „passen zur Zukunftsvision der Stadt“, so der CDU-Politiker.

Obwohl die Loge einer der ältesten Vereine Frankfurts ist, ist ihr soziales Engagemon doch in der breiten Öffentlichkeit kaum präsent. Das liegt auch an ihrem Selbstverständnis: „Nach dem Motto ‚Tue Gutes und rede nicht darüber’ leisten wir Hilfe im Stillen“, sagt der Logenvorsitzende Friedhold Andreas.

Aber auch die von den Nationalsozialisten in Umlauf gebrachten Gräuelgeschichten über die Freimaurerei wirken noch nach. Ab 1935 waren sie in ganz Deutschland verboten und wurden zur Zielscheibe völkischer Übergriffe, auch weil sich in ihren Reihen zahlreiche Juden und aktive Regimegegner wie Kurt Tucholsky oder Wilhelm Leuschner befanden. Da sie dem Geist der Aufklärung verpflichtet waren, konterkarierte ihr Handeln auch die rassistische NS-Ideologie.

Vor der Machtergreifung Hitlers hatten die Freimaurer in Deutschland mehr als 80.000 Mitglieder,  diese Blüte erreichten sie danach nie wieder. Derzeit haben sie bundesweit etwa 15.000, allerdings nach Auskunft von Friedhold heute wieder mit steigender Tendenz. Das wieder erwachende Interesse hat seiner Einschätzung nach mit dem Bedürfnis zu tun, „das eigene Denken und Handeln zu reflektieren und die Persönlichkeit weiter zu entwickeln“. Es gehe in der Freimaurerei um das, was man einst unter dem heute als antiquiert geltenden Begriff der Selbstvervollkommnung subsumierte.

Dass der Weg dorthin von Ritualen und Symbolen begleitet wird, die zum Teil aus mittelalterlichen Traditionen her rühren, sei manchen Zeitgenossen suspekt. Dass die Freimaurer selbst nicht darüber sprechen, erhöht noch das Geheimnisvolle. Dabei gebe es längst keine Geheimnisse mehr: In zahlreiche Büchern kann man inzwischen jedes kleinste Detail nachlesen.

Die Freimaurer seien weder eine esoterische Sekte noch ein elitärer Zirkel, stellt Friedhold Andreas klar: „Wir hüten das Erbe der noch unvollendeten europäischen Aufklärung, sind Ideenlabor und Bildungsstätte.“ Und: Obwohl sie lange ein reiner Männerbund waren, gibt es inzwischen auch Logen für Frauen sowie gemischte Logen.

In der „Loge zur Einigkeit“, die mit ihren rund 150 Mitgliedern deutschlandweit eine der größten ist, bleiben die Herren aber nach wie vor unter sich. Und das wird offenbar geschätzt: Die Nachfrage nach Mitgliedschaft ist jedenfalls größer als die Kapazität – derzeit müssen sich 65 Anwärter mit einem Platz auf der Warteliste begnügen.

Dass die Mitgliederzahlen beschränkt sind hat laut Alt- und Ehrenmeister Hans Koller einen triftigen Grund: „Da jedes neue Mitglied langsam hineinwachsen muss und hierbei von einem Paten begleitet wird, nehmen wir jedes Jahr maximal acht Personen auf.“ Zuvor muss jeder Kandidat mindestens ein Jahr lang die Gästeabende besuchen. Das diene nicht allein dem gegenseitigen Kennenlernen, klärt Koller auf, der selbst seit 37 Jahren der Loge angehört. Man wolle schließlich etwas über die Gesinnung und den Charakter der Leute erfahren und sicher gehen, dass für sie die freimaurerischen Maxime Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit keine bloßen Lippenbekenntnisse sind. Anders könnte der Zusammenschluss von Männern, die aus vierzehn verschiedenen Nationen stammen und unterschiedlichen Glaubensrichtungen, Parteien, Gesellschaftsbereichen und Generationen angehören, nicht funktionieren.

Die kosmopolitische Ausrichtung ist der Loge zur Einigkeit gewissermaßen in die Wiege gelegt. Sie wurde während der Kaiserwahl und Krönung Karls VII. von Frankfurter Bürgern und Delegierten verschiedener Länder aus der Taufe gehoben. Die Ideale der Gründerväter sind nach wie vor bindend. „Wir handeln im Bewusstsein unserer Traditionen auf der Höhe der Zeit“, bringt Friedhold Andreas die Grundhaltung der Logenbrüder auf den Punkt.

So gehöre es in einem Schmelztiegel wie Frankfurt zu den gegenwärtigen Herausforderungen, die Verständigung unter den Menschen zu fördern. Dem komme man etwa mit öffentlichen Diskussionsabenden und Vorträgen mit namhaften Vertretern aus Natur-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaft sowie Ausstellungen und Konzerten nach. Während der Bahnhofsviertelnacht und am Tag des offenen Denkmals öffnet das Logenhaus in der Kaiserstraße 37 ebenfalls seine Türen. Dessen neoklassizistischer Festsaal erstrahlt zur Freude des 58-jährigen Juristen nach umfassender Renovierung wieder in vollem Glanz.

Ein schöneres Jubiläumsgeschenk hätten sich die Logenbrüder nicht wünschen können. Zumal der mit Stuck und Ornamenten verzierte Raum nicht nur als Veranstaltungsort, sondern auch als Einnahmequelle fungiert. Aus der Vermietung an Unternehmen oder Privatpersonen beziehen die Wohltätigkeitsanstalt und die Altenstiftung einen Großteil ihrer Mittel.

Auch für für Hochzeitsfeiern oder Firmenevents ist der riesige Saal sehr begehrt. 2017 wird er das vermehrt auch in eigener Sache sein. Parallel zum Jubiläum der Frankfurter Loge wird nämlich auch der 300. Gründungstag der ersten Großloge in London gefeiert. Ein Doppelereignis, das mit einer Vielzahl an Veranstaltungen gewürdigt wird. Nähere Informationen zu Veranstaltungen und Loge unter www.freimaurerloge-zur-einigkeit-frankfurt.de.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 14. März 2017 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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