Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke

E-Mail

E-Mail

Über jeden neuen Beitrag informieren wir Sie mit einer Nachricht per Mail.

Aktuell

Von – 12. April 2017

„Bildung ist nichts, was man hat. Bildung ist etwas, das man tut.“

Bildung sollte wieder mehr als kulturelles und weniger als ökonomisches Gut verstanden werden – dafür plädierte die Präsidentin der Goethe-Universität, Birgitta Wolff, in ihrer Gastpredigt in der Katharinenkirche.

Nach der Predigt vor der Kirche: Unipräsidentin Birgitta Wolff (Mitte) mit Stadtkirchenpfarrer Olaf Lewerenz (links) und Pfarrerin Anja Bode. Foto: Angela Wolf

Bildung für alle? Ja, unbedingt. Und ja, uneingeschränkt. Was aber genau ist Bildung und wofür brauchen wir sie? Das Thema des Gottesdienstes in der Katharinenkirche am Palmsonntag klingt vielversprechend, ebenso die Gastpredigerin: die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität, Birgitta Wolff.

Der Begriff der Bildung ist heute eng mit materiellem Wohlstand gekoppelt. Ist die Rede von Bildung, von guten Noten, assoziieren viele damit in erster Linie einen gut bezahlten Job, bessere Aufstiegschancen, gesellschaftliche Anerkennung. Bildung wird, so scheint es, für materiellen Reichtum instrumentalisiert.

Diese Begriffsinterpretation  ist kapitalistisch geprägt. Im Bourdieuschen Sinne ist darunter zu verstehen, dass Bildung dem „kulturellen Kapital“ zurechenbar ist und dieses in ökonomisches Kapital transferiert wird. Bildung wird somit materiellem Vermögen gleich gesetzt.

Bildung als persönlicher Gewinn

Ursprünglich jedoch und auch nach religiösem Verständnis ist Bildung anders zu verstehen. „Weisheit ist besser als Perlen“ zitiert Birgitta Wolff aus den Sprüchen Salomos im Alten Testament. Ein anderer lautet: „Alles, was man wünschen mag, kann ihr nicht gleichen“, der Weisheit.

Aber wie lässt sich Bildung entkoppeln von einem einseitigen materiellen und kapitalistischen Verständnis? Die Frankfurter Unipräsidentin Birgitta Wolff plädiert in ihrer Predigt in der Katharinenkirche dafür, Bildung als einen persönlichen Gewinn zu verstehen. Bildung sei ein verborgener Schatz, der dazu befähigt, in der heutigen, hochkomplexen Zeit zu bestehen und den vielfältigen Anforderungen gewachsen zu sein.

Bildung ist Klugheit. Bildung ist Weisheit. Bildung erfährt man durch Erfahrungen. Auch durch negative und durch das Bestehen und bewältigen solcher Situationen. „Bildung befähigt uns“, so Wolff, „mit Ambiguitäten umzugehen.“ Wir lernen offen zu sein und ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Zukunft, Veränderungen, Innovationen keine Bedrohung bedeutet. Im Gegenteil: Bildung öffnet unser Denken und macht uns neugierig auf alles, was da kommen mag.

Braucht jeder Mensche ein Abi?

„Bildung ist nichts, was man hat. Bildung ist etwas, das man tut“, sagt Birgitta Wolff in Abhandlung von Carolin Emckes Verständnis von Freiheit. Wenn man Bildung „tut“, bedeutet das, „mit uneindeutigen Situationen umgehen“. Ich nicke unweigerlich in meiner Kirchenbank. Ich teile Wolffs Bildungsbegriff, der ein humanistischer, ein alltagstauglicher, ein lebensweltlicher und ja – auch ein religiöser ist. Und kein kapitalistischer.

Aber genau hier beginnen meine realen Zweifel: In der ZEIT ist unter dem Titel „Abi für alle!“ zu lesen, dass die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Bundesrepublik dafür rügte, dass es zu wenige Abiturienten und Hochschulabsolventinnen im Land gebe. Die OECD, die nebenbei bemerkt für die Konzeption der PISA-Studie verantwortlich ist, erklärt zu ihrem obersten Ziel: Wirtschaftswachstum. Gut ausgebildete Bürgerinnen und Bürger, so das Kalkül, tragen dazu bei, das ökonomische Wachstum zu befeuern und verursachen ganz nebenbei auch noch weniger staatlich aufzubringende Kosten.

Eine Win-Win-Situation? Müssen also mehr gebildete Menschen „produziert“ werden, damit die Wachstumsbilanz stimmt?

Im Anschluss an den Gottesdienst komme ich noch mit Birgitta Wolff ins Gespräch und gratuliere ihr zu der treffenden und gegen den Mainstream gebürsteten Analyse des Begriffs der Bildung. Ich frage sie aber auch, ob ihre Sicht in einer leistungsorientierten Gesellschaft nicht romantisierend ist. Sie entgegnet, dass dafür zunächst einmal der Leistungsbegriff exakt zu beschreiben wäre.

Ja, vermutlich hat sie Recht. So einfach ist es nicht. Bildung bedeutet ja differenziertes, unterscheidungsfähiges Denken. Kritisches Hinterfragen. Nicht reflexartig zu reagieren. Mit Komplexitäten und Diskontinuitäten umgehen zu können.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 12. April 2017 in der Rubrik Kultur, erschienen in der Ausgabe .

Artikel teilen: E-Mail Facebook Twitter Google+

Angela Wolf studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.

Meistgelesene Artikel

Kommentar schreiben

Mit * markierte Felder müssen ausgefüllt werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, Kommentare werden vor der Veröffentlichung freigeschaltet.