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Von – 2. Mai 2017

Gerechtigkeit ist eine feine Sache. Fragt sich bloß, was gerecht ist.

Gerechtigkeit gibt es in vielen Varianten. Da wären zum Beispiel die soziale Gerechtigkeit, die Leistungsgerechtigkeit, die Gesetzesgerechtigkeit. Und dann gibt es noch ein etwas gewöhnungsbedürftiges Spezialmodell.

Steht seit 1611 auf dem Römerberg: Die Frankfurter Justizia ist eine der wenigen ohne Augenbinde. Foto: Rolf Oeser

„Guten Tag, ich suche nach Gerechtigkeit.” „Welche hätten Sie denn gerne? Im Angebot wäre zum Beispiel die soziale Gerechtigkeit, sehr beliebt bei den Sozis. Da kriegen die Schwachen – Kranke, Rentner, Geringverdienerinnen – mehr als die Starken, die sich selbst helfen können. Wenn Sie hingegen klare Kante zeigen wollen, empfehle ich die Leistungsgerechtigkeit: Man kriegt nur, was man mit eigener Leistung verdient hat. Und dann hätten wir noch das Gießkannenprinzip: Alle kriegen das Gleiche, ob sie es nun nötig haben oder nicht.”

„Ich suchte eigentlich ein etwas einfacheres und überschaubareres Modell.” „Entschuldigen Sie, da hätte ich selbst drauf kommen können. Aber das Modell ist etwas in Verruf geraten: die Gesetzesgerechtigkeit. Wer gesetzestreu handelt, hat von den Behörden nichts zu befürchten.”

„Toll, das klingt doch transparent, was ist daran verrucht?” „Nun, es hat Fälle gegeben, da dienten die Gesetze nicht der Gerechtigkeit, sondern privaten Interessen, einem politischen Lager, einer religiösen Überzeugung. Und es gab Missverständnisse und Lücken. Sie verstehen: Steuerschlupflöcher, Diskriminierungen, so etwas.“ „Sie meinen, mit dem Modell können sich Schurken als gerecht hinstellen?” „Das haben nun Sie gesagt, nicht ich!”

„Hätten Sie vielleicht noch etwas Ausgefalleneres auf Lager?” „Ja, hier ist noch ein Spezialmodell. Da wird Ihnen die Gerechtigkeit geschenkt. Sie erscheinen als gerecht, obwohl Sie es gar nicht sind.” „Wozu soll das denn gut sein?” „Nun, wenn alle wissen, dass jeder und jede eine Leiche im Keller hat, aber einander nichts nachtragen, nennt man das Gemeinschaft der Sünder.” „Das klingt für mich ignorant – wegen der Leichen.” „Keine Angst, der Deckel ist am Karfreitag ein für allemal bezahlt worden. Es kommt auf den Effekt an: Die Leute beurteilen einander nicht mehr nach dem Maßstab einer sowieso mangelnden Gerechtigkeit, sondern leben davon, dass die Sünden von Gott vergeben sind. Wer gerecht gesprochen ist, handelt auch selber in Liebe und Respekt.”

„Und wie bekomme ich das, dieses Spezialmodell der Gerechtigkeit?” „Ganz einfach: Glauben Sie dran. Sie müssen es nur verinnerlichen und danach handeln.”

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 2. Mai 2017 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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