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Von – 4. Mai 2017

Kein Gramm zuviel: Ein Leben (fast) ohne Müll

Kann man einen Haushalt führen, ohne Müll zu produzieren? Man kann, sagt Bea Johnson. Mit ihrem Bestseller „Zero Waste Home“ tourt sie um die Welt – und war jetzt auch in Frankfurt.

Foto: Curank/Flickr.com (cc by-nc-sa)

Bea Johnson hat einen Thermobecher mitgebracht. Natürlich hat sie das, kein Trinkgefäß ist ressourcenschonender. Sie ist soeben aus San Francisco eingeflogen, macht Station in Frankfurt, um in wenigen Stunden weiter nach Südafrika zu reisen. Im Haus am Dom steht sie vor gefülltem Saal auf dem Podium und hält ein Einmachglas hoch.

„Das ist der Müll, den meine Familie und ich im Jahr 2016 angehäuft haben.“ Ein paar Käse-Etiketten stecken darin. Borsten von Zahnbürsten. Rasierklingen von Ehemann und Söhnen. Für dieses Einmachglas ist sie berühmt. Deshalb fliegt sie um die Welt.

Bea Johnson hat Müllvermeidung zum Lifestyle gemacht. Der Haushaltsabfall, den sie jedes Jahr produziert, wiegt kaum ein Kilo. Nicht mit eingerechnet ist nur das Toilettenpapier, das die Familie ebenfalls in einem Einmachglas aufbewahrt. Ein Versuch, auf dem Klo Moos zu verwenden, scheiterte.

Die gebürtige Französin betreibt das Blog www.zerowastehome.com und ist Autorin des Buchs „Glücklich leben ohne Müll“, das bereits in zwölf Sprachen übersetzt wurde und 2016 auf Deutsch erschien. „Bea Johnson ist eine Pionierin“, sagt Studienleiter Georg Horntrich. Gemeinsam mit dem Team des Frankfurter Unverpackt-Ladens „gramm.genau“, der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH, dem Umweltdezernat, dem Netzwerk Nachhaltig Lernen und anderen Initiativen und Blogs  hat er den Abend organisiert. „Der Umgang mit unseren Ressourcen ist eine der großen Zukunftsfragen. Und irgendwer muss ja den Anfang machen.“

Eine vierköpfige Familie und ein Einmachglas voll Müll, wie kann das gehen? Es ist wohl diese so greifbare wie unglaubliche Aussage, die Stühle im Vortragssaal zum raren Gut werden lässt. Junge Paare sind gekommen, Familien mit kleinen Kindern, Ältere, die schon vor vierzig Jahren für mehr Müllvermeidung gekämpft haben. Sie hören gebannt zu.

Bea Johnson zeigt Fotos von ihrem Haus. Ganz weiß ist es innen, kaum möbliert, die Schränke sind nicht einmal halb voll. „Meine Garderobe passt in einen Koffer“, erzählt Johnson gut gelaunt.

Dann berichtet sie. Wie die Familie begann, von Einweg- zu wiederverwendbaren Wasserflaschen zu wechseln, was in den USA keine Selbstverständlichkeit ist. „Dann fing  ich an, ausschließlich in Bioläden einzukaufen, und stellte fest, dass ich verschwenderische Verpackung in der Abteilung für lose Waren ganz vermeiden konnte.“

So weit, so normal in den angesagte Vierteln der Großstädte. Doch Bea Johnson entwickelte jetzt Ehrgeiz. Sie füllte Waren in Wäschenetze und nähte Stoffbeutel aus alten Laken. Während ihre Sammlung leerer Flaschen und Konservengläser wuchs, baute sie einen Komposthaufen und meldete sich für Botanikkurse an, um etwas über den Nutzen der Wildpflanzen zu erfahren.

Sechs Monate lang wusch sie ihre Haare mit Küchennatron und Apfelessig. „Einer meiner vielen Irrwege. Mein Mann meinte, es sei nicht sehr sexy, wenn ich abends im Bett wie eine Vinaigrette roch. Meine Haare wurden außerdem ganz strohig und kaputt.“ Sie griff  auf in Glasflaschen abgefülltes loses Shampoo und Pflegespülung zurück. „Es gab einige Kommentare, als ich mit den Einmachgläsern auch noch an der Fleischtheke meines Lebensmittelgeschäfts erschien. Ich behauptete immer, keine Mülltonne zu haben.“

Der Kissenbezug, den sie zur Bäckerei mitnahm, um eine Wochenbestellung Brot abzuholen, wurde rasch Routine. „Ich entdeckte ein Weingut, das unsere Flaschen Rotwein wieder befüllte, brachte mir bei, aus den Schulkopien der Kinder Papier zu schöpfen und Senf zu mischen, Joghurt anzusetzen, zu käsen, Sojamilch abzuseihen, zu buttern und Lippenbalsam zu schmelzen.“

Nur Second-Hand-Kleidung, kompostierbare Holzzahnbürsten, eine einzige Seife für Böden, Körper und den Familienhund, keine Bilder an den Wänden: Das Leben von Bea Johnson fasziniert. Und polarisiert auch.

„Wie schaffen Sie es, der Versuchung zu widerstehen, ständig andere Leute zu belehren?“, fragt eine Frau im Publikum. „Ich tue es einfach nicht, sondern denke mir: An dem Punkt, an dem die Leute jetzt sind, war ich vor ein paar Jahren auch. Natürlich lehne ich keine Essenseinladung ab, bei der verpackte Nahrungsmittel verwendet wurden.“

Aber irgendwo muss doch ein Fehler im System sein. „Kaufen Sie denn auch Ihre Unterwäsche Second Hand?“ fragt jemand. „Oh ja, auch das. Ich habe kein Problem damit“, sagt Bea Johnson fröhlich. Dann muss sie zum Flughafen. Den Inhalt ihres Kleiderschrankes zieht sie in einem Rollköfferchen hinter sich her.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 4. Mai 2017 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de.

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