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Von – 11. Juni 2017

Comeback des Feminismus: Jung und Alt gemeinsam für eine gerechtere Welt

Die Frauenbewegung ist schon oft für tot erklärt worden. Doch dann kommt jedes Mal wieder eine neue Welle. Auch zurzeit entdecken junge Frauen den Feminismus für sich neu und treten selbstbewusst für ihre Anliegen ein. In der Politik, in der Religion, in der Popkultur.

Lena Reichstetter (31) als „Funny Feminist“. Das Foto wird ab Herbst Teil einer Ausstellung über die Stärke von Frauen sein. Foto: Ilona Surrey

„Viele sagen ja, Feministinnen sind humorlose Zicken. Aber für mich ist Feminismus meine Stärke.“ Lena Reichstetter, 31, Referentin im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum, hat sich mit Boxhandschuhen und einem großen Schild um den Hals, auf dem „Funny Feminist“ steht, fotografieren lassen. Das Shooting war ein Projekt im „Eva“, wie das Zentrum auch kurz genannt wird. Frauen aus verschiedenen Generationen haben sich darüber ausgetauscht, woher sie ihre Stärke beziehen, und das zusammen mit einer Fotografin inszeniert.

Die Fotos werden Teil einer Ausstellung sein, mit dem das „Eva“ im Herbst sein 20-jähriges Bestehen feiert. „Eigentlich kam damals die Gründung des Zentrums reichlich spät“, erinnert sich Reichstetters Kollegin Mechthild Nauck, 58. Denn 1997 war die Frauenbewegung fast schon Geschichte. Mädchen wie Lena Reichstetter, damals elf Jahre alt, würden selbstverständlich gleichberechtigt aufwachsen, dachten viele. Für sie wäre Feminismus kein Thema mehr.

Aber genau diese Generation entdeckt heute den Feminismus wieder. Die jungen Frauen tragen T-Shirts mit dem Konterfei von Simone de Beauvoir drauf, schreiben feministische Blogs, organisieren Demonstrationen und „Ladyfeste“. Sie bejubeln Popstars wie Beyoncé dafür, dass sie bei einem Auftritt riesengroß das Wort „Feministin“ auf die Leinwand projizieren ließ. Redakteurinnen und Autorinnen in den Zwanzigern und Dreißigern bringen feministische Texte inzwischen sogar immer öfter in den etablierten Medien unter.

„Früher musste man sich fast dafür rechtfertigen, eine Feministin zu sein“, sagt Lena Reichstetter, „heute muss man sich eher rechtfertigen, wenn man es nicht ist. Das ist sehr befreiend.“ Die Älteren freut das natürlich. „Ich finde es großartig, dass junge Frauen wieder aktiv werden“, sagt Mechthild Nauck. „Auch die Themen sind teilweise andere. Wir haben damals vor allem die Verhältnisse angeklagt. Die jungen Frauen heute sagen einfach: Wir sind hier, wir wollen das so, Punkt. Es ist ein ganz anderes Selbstbewusstsein.“

Man könnte auch sagen: Die jungen Frauen von heute nehmen das Versprechen der Gleichberechtigung eben ernst – und klagen es im Bedarfsfall dann auch ein. Zumal ja keineswegs sicher ist, dass das Erreichte Bestand hat. Überall werden Gruppierungen lauter, die die Rechte von Frauen einschränken wollen. Rechtspopulistische Parteien und Bewegungen sind immer zugleich auch antifeministisch. Sie propagieren rückwärtsgewandte Geschlechterrollen und agitieren gegen einen angeblichen „Gender-Wahn“. Bloggerinnen, die unangepasste Meinungen vertreten, bekommen massenhaft Gewaltandrohungen und Hassmails.

Aber die Frauen wehren sich: Als vorigen Herbst die polnische Regierung das Abtreibungsverbot noch weiter verschärfen wollte, organisierten Feministinnen riesige Demonstrationen und erreichten, dass der Gesetzesentwurf zurückgezogen wurde. Nach der Inauguration von Donald Trump als US-Präsident organisierten Frauen die größten Protestmärsche, die es in den USA je gegeben hat. Auf der ganzen Welt gab es SolidaritätsDemos, auch in Frankfurt.

Der neue, junge Feminismus ist international und kulturübergreifend. Das kommt auch daher, dass das Internet und soziale Medien eine große Rolle spielen. „Ich habe den Feminismus zuerst über englische Blogs und Bücher kennen gelernt“, sagt Lena Reichstetter, die eine Zeitlang in Irland studiert hat. Inspirationen liefern nicht nur Theoretikerinnen an den Universitäten, sondern auch die Popkultur. „Ich finde es toll, dass es inzwischen so viele Schauspielerinnen und Serien gibt, die sich zum Feminismus bekennen.“ Klasse fand Reichstetter zum Beispiel die souveräne Reaktion der Schauspielerin Jennifer Lawrence, nachdem im Internet Nacktfotos von ihr aufgetaucht waren. „Sie hat sich nicht dafür gerechtfertigt, dass sie diese Fotos in der Cloud aufbewahrt hat, denn das ist ihr gutes Recht. Sie hat gesagt, die Schuld liegt bei denen, die diese Fotos anschauen. Das fand ich großartig.“

Männer wiederum sind nicht mehr pauschal der Gegner. „Wir waren manchmal gefangen in unserem Bezug auf Männer“, erinnert sich Mechthild Nauck an die 1970er und 1980er Jahre. Heute sind Männer als feministische Verbündete willkommen – aber nur, wenn sie auch wirklich solche sind.

„Die jungen Frauen haben auch weniger das Bedürfnis, sich von traditioneller Weiblichkeit abzugrenzen, als wir es hatten“, sagt Nauck. „Uns wäre zum Beispiel nie in den Sinn gekommen, dass Stricken feministisch ist. Ökologisch vielleicht, aber nicht feministisch“.

Heute stricken Feministinnen nicht nur „Pussyhats“ – jene pinkfarbenen Mützen mit Ecken, die an Katzenohren erinnern, eine Replik auf Donald Trumps „Grab them by the pussy“-Entgleisung. Sie glauben auch nicht mehr, dass sie Waschmaschinen alleine in den vierten Stock tragen müssen, um emanzipiert zu sein. „Im Gegenteil“, sagt Reichstetter mit einem Augenzwinkern, „wir sehen es als Feminismus an, wenn wir Kaffee trinken, während die Männer die Waschmaschine schleppen.“

Nicht immer ganz einfach ist es, alten und neuen Feminismus zusammenzubringen. Im „Eva“ hat Lena Reichstetter einen Kreativraum eingerichtet mit selbst gebauten Möbeln aus alten Europaletten. „Upcycling“ und „Do-it-yourself“ ist bei jungen Frauen sehr beliebt. „Einige ältere Frauen im EVA haben etwas verständnislos geschaut“, erzählt sie. „Für uns ist das Vintage, für sie ist es Sperrmüll.“ Bei vielen Projekten klappe die Zusammenarbeit ganz prima, zum Beispiel im Frauenorchester – fürs Musikmachen ist das Alter ja völlig egal. Vorträge, Diskussionen und Workshops wiederum könnten durch eine Generationen übergreifende Perspektive nur gewinnen. „Es ist eben anders, als mit der eigenen Mutter oder Großmutter zu reden“, so Mechthild Nauck.

Die anstehenden Themen sind ohnehin für Jung und Alt dieselben. Wie funktioniert Demokratie? Welche Beteiligungsformen passen in die heutige Zeit? Wie wollen und können Frauen die Gesellschaft gestalten? Diese Fragen stellen sich besonders im kommenden Jahr, wenn ein großes frauenpolitisches Jubiläum ansteht: Hundert Jahre Frauenwahlrecht.

Weiterlesen: Sicher, Religionen sind oft patriarchal. Aber dafür kann der liebe Gott nichts.

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Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 11. Juni 2017 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe , .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Nina schrieb am 12. Juni 2017

    Leider ein untragbar Artikel für eine „evangelische“ Zeitung, zumal darin jene Auswüchse des Feminismus, die dem christlichen Menschenbild fundamental widersprechen, wie das vermeintliche „Recht“ auf Abtreibung, also die Tötung menschlichen Lebens, als große Errungenschaft der Frauen propagiert werden.

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