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Von – 20. Juni 2017

„Kinder haben das Gefühl, dass gut sein nicht reicht“

Am 30. Juni gibts in Hessen Zeugnisse – nicht immer fallen die Noten so aus, wie mans sich das gewünscht hat. Der Evangelische Pressedienst (epd) sprach mit der Sozialpädagogin Juliana Cunz über Handyverbote, gemeinsames Eisessen und warum Scheitern zum Großwerden dazugehört.

Zeugnisse: Zur Belohnung für gute Noten lieber gemeinsam Eisessen gehen als Geld geben. Foto: drubig-photo/Fotolia.com

Sollten Eltern ihre Kinder belohnen, wenn sie gute Noten nach Hause bringen?

Cunz: Belohnung für gute Noten ist grundsätzlich nicht verkehrt und auch üblich. Dabei sollten aber in erster Linie die Arbeitshaltung und Anstrengung der Kinder belohnt werden. Für diejenigen, die sich für gute Noten anstrengen müssen, ist Belohnung viel wichtiger als für die, denen alles zufliegt. Lob und Aufmunterung müssen wichtiger sein als eine materielle Belohnung, vor allem bei Grundschulkindern. Vorsicht auch bei Geldgeschenken: Hier stehen dann die materiellen Vorteile durchs Lernen im Vordergrund. Eine empfehlenswerte Alternative zum Geld kann ein gemeinsamer Ausflug mit der Familie sein, oder ein gemeinsames Eisessen.

Und bei schlechten Noten?

Cunz: Ärger und Druck zu Hause bringen gar nichts. Strafen wie Handyverbot dienen in erster Linie den Eltern, ihrem Ärger Luft zu machen und die Kinder für kurze Zeit unter Kontrolle zu bringen. Auch das Streichen von Freizeitaktivitäten, zum Beispiel von Sport, ist wenig sinnvoll, denn hier erlebt das Kind noch Erfolgserlebnisse außerhalb der Schule – wenn diese verboten werden, hat das Kind nichts mehr, worin es gut ist. Das wird als wenig motivierend erlebt. Motivation ist jedoch der Schlüssel zum Erfolg! Kinder wollen ihre Eltern nicht enttäuschen. Wenn die jedoch wegen der Noten enttäuscht sind, erleben sich die Kinder als Auslöser für elterlichen Ärger und haben Schuldgefühle. Kinder wollen von ihren Eltern geliebt werden und tun alles, um ihnen zu gefallen. Das sollten die Eltern insbesondere am Zeugnistag nicht vergessen! Druck erzeugt Angst, und Angst blockiert. Besser ist es, sich auf die Zukunft zu konzentrieren. Eltern sollten sich als Helfende im Hintergrund positionieren und nicht bestrafen, fordern und kontrollieren – das macht in der Regel die Schule schon! Der Auftrag an die Eltern lautet: Wie können wir dich unterstützen?

Haben Sie den Eindruck, dass Eltern mittlerweile zu viel Druck auf die Kinder ausüben, dass ihnen Bildung vielleicht zu wichtig ist? Sollte man den Kindern auch mal die Freiheit lassen, sich selbständig aus einer Krise
herauszuarbeiten?

Cunz: In zahlreichen Studien wurde gezeigt, dass ein hoher Leistungsdruck an Schulen herrscht. Jedes dritte Kind zwischen 7 und 9 Jahren ist in der Schule gestresst, nach dem Schulwechsel auf eine weiterführende Schule ist die Anzahl noch höher. Oft gibt es hohe Erwartungen der Eltern, die das Familienleben belasten. Eltern sind in großer Sorge, dass ihr Kind sich die Zukunft verbauen könnte und setzen Strafen oder Sanktionen aus Angst und Überforderung ein. Kinder wachsen heute vielfach mit dem Anspruch auf, nicht scheitern zu dürfen. Sie haben das Gefühl, dass „gut sein“ allein nicht reicht, sondern dass sie besser oder sehr gut sein zu müssen – womit sich der Erfolg zahlreicher Nachhilfe-Institutionen begründet. Eltern wollen ihre Kinder vor dem Scheitern bewahren, zum Leidwesen der Kinder. Die dürfen nicht mehr die Erfahrung machen, eigene Grenzen zu erleben, sondern wachsen mit dem Gefühl auf, es alleine im Leben nicht zu schaffen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 20. Juni 2017 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Friedrich Peter Niebling schrieb am 21. Juni 2017

    Sollten Eltern ihre Kinder belohnen, wenn sie gute Noten nach Hause bringen? Ein komplexes Thema! Hier in Kürze:
    Nein!!! Es reicht aus, wenn das Kind schon allein dafür, dass es da ist, Achtung, also Aufmerksamkeit und Teilnahme erfährt. Auch, wenn es eine schlechte Note mit nach Haus bringt. Auch braucht das Kind kein Lob. Sehr wohl aber Aufmunterung, wenn ihm etwas nicht gelingen will. Geistig/seelische Gesundheit erwächst aus dem Gelingen. Lob und Tadel oder gar Strafe ist eher ein Instrument zur Fremdbestimmung, als dass es die Seele des Kindes nährt. Die, dem Lob und Tadel innewohnende Anerkennung, ist freilich üblich. Üblich aber, liegt nahe dem Übel. Und freilich ist dieses Förderersystem Systemimmanent, und schafft, was es bisher erschaffen hat. Und dies kann oder muss Mensch gut finden; solange dieses System ein Teil seiner Identität ausmacht. Doch welch Lied singen wir, wenn es letztlich doch mehr Misstöne erschafft. Von der heilen Welt einer kleinen Gemeinde, oder von The Voice of Germany abgesehen. Und wie verrückt ist das, wenn wir Gemeinsamkeiten zur Alternative für Belohnung machen. Nun gut!? Es soll vorgekommen sein, dass der Kurze zur Strafe, auch schon mal alleine am Tisch sitzen und seinen Teller leeren musste. Macht nichts! Heutzutage lässt dieser Kleine, im Stand des Großen, andere seine Suppe auslöffeln. Und alle Großen und Kleinen profitieren davon. Oder nicht?
    Anders: Teile von Frau Cunzes Antworten passen wie die Faust aufs Auge. Die Folgen aber sind nicht alleine blaue Augen, sondern vielfach auch noch Blindheiten. Blindheiten, welche nur schwerlich zu heilen sind, wenn die Menschen sich vorwiegend, von den Wässern des Lobes und des Tadelns respektive der Bestrafungen, zu nähren gezwungen sind.
    Friedrich Peter Niebling

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