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Von – 17. Juni 2017

Jung verwitwet – das ist oft noch ein Tabuthema

Die Maria-Magdalena-Gemeinde in Sachsenhausen bündelt seit fünf Jahren ihre freien Kollekten zu einer „Jahreskollekte“. 2017 unterstützt sie damit Menschen, die sonst wenig Aufmerksamkeit erhalten: Junge Verwitwete.

Foto: Ilona Surrey

Anita war 42 Jahre alt, als ihr Mann Silvio starb. 18 Monate zuvor hatte Silvio die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhalten. Lange hatten die Eheleute gekämpft und gehofft. Vergeblich. Der geliebte Mann, der engagierte Vater, er starb, und Anitas Leben schien aus den Fugen.

„Alles war plötzlich anders, es war wie neu laufen lernen“, sagt die Mutter von drei Kindern, von denen die Jüngste damals neun Jahre alt war. „Jeder Schritt, jede Tätigkeit, Autofahren, Einkaufen, einen Urlaub planen – alles fühlte sich schwer an wie beim ersten Mal.“ Das Leben schien still zu stehen und musste doch weitergehen. „Es war ein tiefes schwarzes Loch, ich war wie umnebelt, erinnere ganz vieles gar nicht mehr“, sagt sie über die Tage, Wochen und Monate nach Silvios Tod. Der einzige Antrieb, weiter zu machen, „weiter zu schwimmen“, wie sie es nennt, waren ihre Kinder: „Ich wollte einfach, dass sie trotzdem eine normale, glückliche Kindheit erleben können“, erzählt die Mitarbeiterin eines großen Pharmaunternehmens. „Man hat doch nur eine Kindheit und Jugend, und an die sollten meine Kinder sich genauso gern erinnern, wie ich das immer konnte.“

Irgendwo wieder Boden unter den Füßen finden

Wie Anita geht es vielen Menschen, die mitten aus einer glücklichen Partnerschaft heraus, aus einem Leben voller gemeinsamer Aufgaben, Pläne, Ziele und Träume herausgerissen werden. Alltag, Beruf, Kinder, finanzielle Absicherung – alles muss weitergehen, trotz der Trauer, trotz der Verzweiflung. An Anita hingen das Erlebte, der Verlust des geliebten Mannes, der Verlust von Urvertrauen und Zukunft, von persönlicher, aber auch finanzieller Sicherheit wie tonnenschwere Gewichte. „Ich habe immer gedacht, irgendwo gibt es ein Ufer, wieder Boden unter den Füßen“, sagt sie. „Aber es war unfassbar schwer.“

Die Kinder fanden schneller zurück ins Leben, wollten schon bald wieder in die Schule gehen, ihre Freunde treffen, Sport machen. „Und das war auch gut so“, sagt die Mutter. „Ich habe in der Zeit so viel von ihnen gelernt – ihr Urvertrauen war nicht erschüttert, sie wollten weiter leben.“ Die kleine Tochter sagte damals: „Wir wissen doch, dass es Papi jetzt wieder richtig gut geht, Mami, dass ihm nichts mehr weh tut. Und er ist trotzdem noch bei uns.“

Das wollte Anita dann auch schaffen – nach vorne schauen, weiter leben, weiter schwimmen. Ihre Familie, Geschwister, Freunde halfen ihr dabei, ein großes Glück, wie sie weiß: „Ohne diese Geborgenheit in der Familie, ohne diese selbstverständliche Hilfe hätte ich es nicht geschafft“, ist sie sich sicher.

Manche reagieren erschrocken, andere unsensibel

Denn das Weiterleben bedeutete auch, sich wieder in den Alltag, ins Büro, unter Menschen zu begeben. Unter Menschen, die mit der jungen Witwe nicht immer umgehen konnten. „Zu Beginn hab ich noch manchmal erzählt, dass ich meinen Mann verloren habe“, erinnert sich Anita. „Doch dann haben die Leute so erschrocken, so stark reagiert, dass das Gespräch erstarb. Oder dass ich alles wieder und wieder von vorn erzählen musste.“ Und das wollte und konnte sie oftmals nicht.

Andere Menschen reagierten häufig unsensibel, unbedacht, fragten nach ihrem Ehemann, obwohl Anita bewusst immer nur von sich als Alleinstehender sprach. „Manchmal bin ich von einem Abendessen aufgestanden und gegangen“, erinnert sie sich. „Weil ich es einfach nicht ertragen konnte, dass das Allein Sein nicht respektiert, nicht verstanden wurde.“ Die Gesellschaft stellt sich Witwer und Witwen in der Regel nur als alte Menschen vor.

Auch der Seelsorger hat selten Kontakt mit dieser Gruppe

Auch Ulrich Baumann, Pfarrer der Maria-Magdalena-Gemeinde in Sachsenhausen, sagt: „Jüngere Verwitwete sind eine Gruppe von Menschen, mit der auch ich als Seelsorger kaum Kontakt hatte.“ Obwohl die psychosozialen Probleme gerade bei jüngeren Verwitweten oft besonders gravierend seien. „Um diese Gruppe kümmern wir uns im täglichen Leben tatsächlich zu wenig“, so Baumann.

Als der Pfarrer erfuhr, dass eine seiner Mitarbeiterinnen sich im Verein „Jung verwitwet“ engagierte, der auch das Internetportal verwitwet.de unterstützt, beschloss er deshalb, Verein und Webseite als Ziel der Jahreskollekte 2017 in seiner Gemeinde vorzuschlagen.

„Die Jahreskollekte hat sich bewährt“, sagt der Pfarrer. „Statt mit jeder freien Kollekte ein anderes Projekt zu unterstützen, wählen wir jetzt Jahr für Jahr ein Projekt aus, zu dem es einen persönlichen Bezug in der Gemeinde gibt“, erklärt er. „So kommt ein bisschen Geld zusammen, und wir können besser verfolgen, was mit der Kollekte tatsächlich passiert.“

Trauergruppen, Trauerbegleitung, aber auch praktische Hilfe

Wie mit „Jung verwitwet e.V.“ wird jeweils eine Auftaktveranstaltung organisiert, bei der Verantwortliche „ihr“ Projekt vorstellen und aus ihrem Arbeitsalltag berichten. Plakate und Informationsmaterial werden in der Gemeinde ausgelegt, geben weiterhin die Möglichkeit, sich zu informieren. „So öffnen wir vielfach nicht nur den Geldbeutel, sondern vor allem den Zugang zu solchen Angeboten und Projekten“, so Ulrich Baumann.

Trauergruppen, Trauerbegleitung, aber auch ganz praktische Hilfe bei den vielen familiären, bürokratischen und finanziellen Sogen, die junge Verwitwete neben ihrer Trauer bewältigen müssen, bietet „Jung verwitwet“ an. Und die Jahreskollekte der Maria-Magdalena-Gemeinde verschafft auch ein wenig mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität für die Betroffenen. „Es wäre schon ein großer Schritt, ein große Hilfe, wenn das Thema endlich ein bisschen enttabuisiert würde“, sagt auch Anita.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 17. Juni 2017 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe , .

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Stefanie von Stechow ist Mutter von vier Kindern und freie Journalistin. Sie schreibt über Themen aus Familie, Bildung und Gesellschaft.

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