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Börneplatz vor 30 Jahren: Kampf um Ghettoruinen

Das Verwaltungsgebäude der Stadtwerke weiterbauen oder die Funde als „Spiegel der Erinnerung und Mahnung“ für die Nachwelt sichern? Vor 30 Jahren kochte der Konflikt um das ausgegrabene Frankfurter Judenghetto hoch.

Der Frankfurter Börneplatz heute. Rechts das Gebäude der Stadtwerke. Foto: Antje Schrupp

Im Frühjahr 1987 wurden bei den Bauarbeiten für das Verwaltungsgebäude der Frankfurter Stadtwerke Fundamente von Häusern und Reste eines rituellen Tauchbads der Judengasse freigelegt. Es handelte sich um den bis dahin größten archäologischen Fund einer jüdischen Siedlung aus der Frühen Neuzeit in Europa. In der Folge entwickelte sich in Frankfurt und weit darüber hinaus eine Debatte über die Frage, wie mit den Zeugnissen jüdischer Geschichte umzugehen sei.

Die Judengasse in Frankfurt am Main war 1462 als erstes jüdisches Ghetto Europas eingerichtet worden und existierte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die Gasse war knapp drei Meter breit und etwa 330 Meter lang und beschrieb einen Bogen, der ungefähr von der Konstablerwache bis zum heutigen Börneplatz reichte. Das Areal war ursprünglich für 15 Familien mit etwas mehr als 100 Mitgliedern geplant. Da der Magistrat sich jahrhundertelang seiner Erweiterung widersetzte, lebten am Ende des 18. Jahrhunderts rund 3.000 Menschen dort.

Fast 200 Häuser und Hinterhäuser bildeten je zwei doppelte Gebäudezeilen zu beiden Seiten der Gasse. Nach den Ausgrabungen 1987 beharrte der Magistrat darauf, das Verwaltungszentrum der Stadtwerke weiterzubauen und lediglich Reste des Ghettos in den Neubau zu integrieren. Ende August spitzte sich die Situation zu. Ein Bündnis
„Rettet den Börneplatz!“ aus Kirchen, der jüdischen Gemeinde, Gewerkschaften und den Parteien SPD, FDP und Grüne forderte Oberbürgermeister Wolfram Brück (CDU) auf, den Bau zu stoppen. Ein internationales Expertengremium solle in Ruhe eine Gesamtkonzeption erarbeiten.

Am 27. August besetzten zahlreiche Personen die Baustelle, um das weitere Abräumen der Ghettoreste zu verhindern. Bei einer Kundgebung am 29. August in der Innenstadt rief der evangelische Frankfurter Propst Dieter Trautwein dazu auf, den ganzen Börneplatz „als Spiegel der Erinnerung und der Mahnung“ zu erhalten. „Setzen wir uns noch einmal zusammen“, appellierte er an den Magistrat. Es könne „nicht unbillig“ sein, trotz aller Vorentscheidungen und angefallenen Kosten „noch einmal nachzudenken“. Unterstützt wurde er dabei
unter anderen von der Schriftstellerin Eva Demski, dem Politikwissenschaftler Alfred Grosser und dem Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik von der jüdischen Gemeinde.

Doch die Appelle gingen ins Leere. Am 2. September ließ die Stadt die Baustelle räumen. Die etwa 25 Besetzer, die sich am Morgen auf dem Platz befanden, wurden von der Polizei weggetragen. Unter ihnen war auch der schäumende Brumlik. Der wertete die Räumung als Brüskierung der großen gesellschaftlichen Gruppen der Stadt und als „Zeichen politischer Schwäche“. Gleichwohl hielt Oberbürgermeister Brück an dem Neubauprojekt
fest und rechtfertigte die Räumung unter anderem damit, dass er eine „Hüttendorfsituation“ wie auf der Baustelle zur Startbahn West des Frankfurter Flughafens habe verhindern wollen.

In den Wochen danach handelten die Stadt und die jüdische Gemeinde mit ihrem kämpferischen Vorsitzenden Ignatz Bubis an der Spitze einen Kompromiss aus: Fünf der entdeckten Hausfundamente und zwei Tauchbäder
wurden abgetragen, konserviert und im Kellergeschoss des neuen StadtwerkeGebäudes wiedererrichtet. Sie bilden bis heute den Mittelpunkt des 1992 eröffneten Museums Judengasse.

Anlässlich des 30. Jahrestags der Auseinandersetzung am Börneplatz veranstalteten das Fritz-Bauer-Institut und das Jüdische Museum Frankfurt am 20. August ein Symposium im Museum Judengasse. Es wurden die verschiedenen Perspektiven in der jüdischen Gemeinde thematisiert und die damals diskutierten Fragen aufgegriffen. Referenten waren unter anderen der stellvertretende Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, Tobias Freimüller, die ehemalige Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann, sowie der Londoner Histopriker Joseph Cronin. Zum Abschluss diskutierten der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, und Micha Brumlik über die Bedeutung des Konflikts innerhalb der jüdischen
Gemeinde Frankfurts und über diese hinaus.

 

Artikelinformationen

Beitrag von , , veröffentlicht am 24. August 2017 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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