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Von , – 4. August 2017

Ehe für alle? Ilona Nord über das christliche Eheverständnis

Heiraten galt bereits als altmodisch. Aber jetzt plötzlich wollen es alle, auch Lesben und Schwule. Was macht eine christlich orientierte Ehe aus? Ilona Nord, Theologieprofessorin in Würzburg, hat darüber geforscht, wie Paare heute Liebe und Trauung verstehen. Mit ihr sprach Martin Vorländer.

Ilona Nord war bis 2010 Pfarrerin am Riedberg in Frankfurt. Inzwischen ist sie Theologieprofessorin an der Uni Würzburg und hat gerade ein Buch über kirchliche Trauungen geschrieben. Foto: Swantje Luthe

Frau Nord, Wie sehen Sie als Theologin die Entscheidung des Bundestages, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen?

Ilona Nord: Gleichgeschlechtliche Paare konnten ja schon seit 2001 Lebenspartnerschaften registrieren lassen. Nun ist die gesellschaftliche Anerkennung da, dass sie die gleichen Rechte bekommen wie verschiedengeschlechtliche Ehepaare. Die große Aufregung ist aus diesem Thema draußen. Ich bin froh, dass die Politik das geklärt hat. Das hilft auch innerhalb der Kirchen, mehr Gerechtigkeit unter den Lebensformen zu fördern.

Manche Gegner des Beschlusses sagen, das habe nichts mehr mit der christlichen Ehe zu tun. Wie schätzen Sie das ein?

Von der christlichen Ehe zu sprechen, ist nicht so einfach zu begründen. In der Bibel gibt es nicht die christliche Ehe. Es sind immer Auslegungen, die anhand von den Urtexten der Bibel vorgenommen werden. Wer behauptet zu wissen, was die christliche Ehe ist, will eine Form für alle verbindlich festschreiben, die ihm oder ihr wichtig ist. Es ist legitim, von der eigenen Meinung überzeugt zu sein. Doch gerade die hohe Bedeutung, die die biblische Tradition für unseren Glauben hat, schärft uns ein: Es geht nicht ohne Streit. Christliches Leben kennzeichnet, dass wir mit der Vielfalt biblischer Traditionen leben. Wir können nicht einen biblischen Text verabsolutieren oder zum Maßstab für richtiges und falsches Zusammenleben machen. Das »lebendige Wort Gottes« findet sich dort, wo Menschen miteinander darum ringen und streiten, was sie als evangeliumsgemäß verstehen.

Die »Ehe für alle« entspricht unserem Rechtsstaat. Und: Die »Ehe für alle« entspricht auch früher christlicher Überzeugung. Denn bereits hier wurde das Modell der hierarchisch konzipierten Ehe kritisiert, in der der Mann zumindest in der Öffentlichkeit »der Sprecher in der Ehe« ist. Paulus schreibt: »Hier ist nicht männlich und weiblich« (Galater 3,28). Die Jesus-Bewegung war für viele attraktiv, weil sie aufgeräumt hat mit Hierarchien und Privilegien, die es aufgrund von Ethnie und sozialer Herkunft gab. Die Jesus-Bewegung hat vielen Leuten mit schwachem oder gar keinem sozialen Status Anerkennung gegeben. Ein Modell von Ehe, das gesellschaftlich diskriminierte Bevölkerungsteile ausschließt, verwirkt den eigenen Anspruch, christlich zu sein.

Worum geht es denen, die daran festhalten wollen, dass Ehe nur für Mann und Frau sein soll?

Für einige gehen mit der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften als Ehen Lieblingsbilder vom Zusammenleben kaputt. Ganz archaisch wirkt sich da ein Sinnbild aus, das den Menschen als Kugelmenschen sieht: Mann und Frau werden eins und sind erst in ihrer Zweiheit eine Einheit. Diese Vorstellung ist keineswegs christlich, sondern stammt vom griechischen Philosophen Platon. Aber diese Vorstellung wurde christlich sakramentalisiert.

Das Sakrament der Ehe feiert die Einheit von Mann und Frau in Christus und sieht sie als Analogie zur Einheit von Gott und Mensch. Eine komplizierte theologische Konstruktion, die jahrhundertelang das Bild der Ehe geprägt hat. Martin Luther war der Auffassung, dass sie nicht evangeliumsgemäß ist. Insofern haben wir seit 500 Jahren eine starke Kritik an der Auffassung, die aus der Ehe einen Ort heiliger Gottesgegenwart machen möchte und sie damit heraushebt aus dem Leben insgesamt. Das Leben ist aber ambivalent, das heißt zwei- oder mehrdeutig. Auch die Ehe als ein menschliches Unternehmen ist es. Sie hat wunderbare Seiten und zugleich gehört zu ihr, dass die Eheleute sich viel zumuten, was sie nicht selten an den Rand ihrer Kräfte führt.

Die Ehe ist nach evangelischem Verständnis kein Sakrament – anders als in der katholischen Kirche. Was ist sie dann?

Sie ist eine Lebensgemeinschaft, in der sich die Eheleute bewusst sind, dass sie zu einem guten Zusammenleben auf den Segen Gottes angewiesen sind und um diesen bitten.

Auch wenn die Ehe kein Sakrament ist – hat sie für Menschen heute noch etwas Heiliges?

Ja! Heilig ist uns das, was uns unbedingt angeht. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir möchten miteinander das Leben teilen. Einen Menschen zu haben, mit dem man/frau das Leben besonders intensiv teilen kann, das ist etwas Wunderbares. Heilig heißt, dass etwas ausgesondert ist. Die Beziehung zu einem Menschen, mit dem man/frau auch intim wird, unterscheidet sich von anderen Beziehungen und hat somit etwas Heiliges. Vielleicht heißt das schlicht auch, dass man dieses Heilige besonders schützen will?

Was ist Paaren heute wichtig, die sich kirchlich trauen lassen?

Dass sie öffentlich ein Versprechen abgeben und an diesem Tag das Netzwerk ihrer Beziehungen feiern: das ihrer intimen Beziehung und darüber hinaus zu all denjenigen, mit denen sie sich verbunden fühlen.

Auf was kommt es theologisch bei der kirchlichen Trauung an?

Auf die Theologie der Brautleute: Warum kommen sie und wollen getraut werden? Welche religiösen Einstellungen bringen sie mit? Welchen Glauben haben sie? Wer heute eine Trauung anleitet, muss nicht denken, dass man der Traugesellschaft erst erklären muss, was die christliche Tradition zur Trauung sagt und warum es sie überhaupt gibt. Das ist eine ganz falsche Vorstellung, die davon ausgeht, die Menschen hätten keinen Glauben und wüssten nichts von religiösen Traditionen. Vielmehr geht es darum, mit ihnen zu sprechen und zu erfahren, was ihr Glauben und ihre Beweggründe sind.

Hochzeit à la Hollywood – wie sehen Sie die Gefahr, dass die kirchliche Trauung zur Kitsch-Show verkommt?

Zu allen Zeiten sind kulturelle Beliebtheiten in die Trauungen eingeflossen. Insofern halte ich nichts davon, immer gleich alles eskalieren zu sehen, nur wenn jemand einmal einen unorthodoxen Wunsch hegt. Viel interessanter ist es herauszubekommen, welche Bedeutung diesem Wunsch entspricht. Wenn man darüber ins Gespräch kommt, lässt sich manchmal beobachten, wie Menschen dann einen anderen Blick auf ihre eigenen Wünsche bekommen.

Was macht eine christliche Ehe aus?

Vielleicht sprechen wir lieber von einer Ehevorstellung, die christlich orientiert ist? Dann könnte ich antworten: In einer christlich orientierten Ehe schätzen die Beteiligten sich gegenseitig so hoch, dass sie wissen: Die Freiheit des Einzelnen beziehungsweise der Einzelnen ist das höchste Gut. Liebesbeziehungen können immer nur freiwillig zu dem werden, was sie sein sollen: Lebensformen, in denen Wärme und Zuneigung, Loyalität und Vertrauen wachsen können. Ganz besonders wichtig ist das für die Sexualität. Sie ist ein intimer Raum, in dem Achtsamkeit füreinander da sein muss. Wer intim miteinander wird, macht sich besonders verletzlich. Hier einmal verletzt zu werden, das braucht zehn gute Erfahrungen, um die eine wieder vergessen zu können. Wenn das überhaupt reicht. Christlich orientiert ist für mich eine Ehe, die die Freiheit und Unverletzlichkeit der Person als höchstes Gut anerkennt. Der Diskussion um eine christlich orientierte Ehe tut der Bezug auf die Grundrechte durchaus gut.

Zum Weiterlesen: Ilona Nord: »Fest des Glaubens oder Folklore? Praktisch-theologische Erkundungen zur kirchlichen Trauung«; Kohlhammer 2017; 240 Seiten; 30 Euro.

Dieses Interview erschien ursprünglich in der Evangelischen Sonntagszeitung. Wir übernehmen es mit freundlicher Genehmigung.

Artikelinformationen

Beitrag von , , veröffentlicht am 4. August 2017 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Ilona Nord ist Professorin am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Von 2006 bis 2010 war sie Pfarrerin in Frankfurt-Riedberg.

Martin Vorländer jetzt Redakteur der Evangelischen Sonntagszeitung. Vorher war er Pfarrer in der Sachsenhäuser Dreikönigsgemeinde.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Friedrich Peter Niebling schrieb am 7. August 2017

    Ein schwieriges, sehr, sehr Schwieriges Thema für so „Manchen“. Und wie immer das wer auch immer sieht, die Würfel sind gefallen. Und ganz cool betrachtet, ist die Ehe letztlich ja auch nichts anderes, als eine institutionalisierte Verbindung. Ganz so cool aber, wird diese Moderne nicht betrachtet, weil der bisherigen Ehe gerecht, nicht allein von Eheleute gesprochen, gedacht und gefühl wird, sondern von Ehegatten. So gesehen ist die Ehe dann doch etwas wesentlich anderes, als nur eine gesetzlich legitimierte und geschützte Form des Zusammenlebens. Und wie kann das eine, wie das andere sein, wenn der Anderen Forme etwas fehlt, was der einen Form zu Eigen ist? Das Problem bei so einer Gleichschaltung, ergibt sich naturgemäß durch eine –wie subjektiv auch immer empfundene- Bedrohung der Identität als Ehegatte. Eine Identität, die sich sowohl aus einem realen Unterschied von männlich und weiblich, respektive angenommener Zeugungsfähigkeit speist, als auch aus einer Jahrhunderte eingeübte Daseinsform. Und was sich auch niemals ändern wird, ist der komplementäre Beitrag, den Frau und Mann gegenüber ihren Kindern „leisten“. Leider, ob der eigenen Unreife, oft in leiderzeugender Form. Das Männliche und das Weibliche zeigt sich eben nicht allein durch den Körper. Diesem Körper innewohnend ist eine unterschiedliches seelisches reagieren. Aber auch die körperlichen Geschlechtsmerkmale brauchen ihre Bestätigung durch die Eltern der Kinder. Kinder brauchen zur Entwicklung einer gesunden Identität als Junge oder Mädchen, den Kontakt zu sowohl gleich geschlechtlichen, als auch gegengeschlechtlichen Menschen. Und so ist die Beunruhigung ob solch einer Gleichstellung verständlich.

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