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Von – 11. August 2017

Weltausstellung Reformation: Schöne Ideen, aber etwas unübersichtlich

Die Weltausstellung Reformation in Wittenberg zieht zwar weniger Publikum an als erwartet. Eine Reise wert ist sie aber trotzdem, meint unser Redakteur Kurt-Helmuth Eimuth.

Der Besuch der Welterbestadt Wittenberg lohnt nicht nur zu Zeiten des Reformationjubiläums. Auf dem Marktplatz die Reformatoren Melanchthon und Luther. Foto: Anne-Elisabeth Eimuth

Beim medialen Konsum des Kirchentags wuchs die Lust auf das Abenteuer Wittenberg. Wenn schon nicht Kirchentag, dann doch wenigstens „Weltausstellung Reformation“. Gesagt, getan. Mitstreiterinnen und Mitstreiter waren schnell gefunden. Jetzt musste nur noch eine Unterkunft gebucht werden. Im Luther-Hotel, die zum Verband Christlicher Hotels gehörende Herberge, war es kein Problem, gleich mehrere Doppelzimmer zu buchen. Die Zeitspanne konnten wir uns sogar aussuchen.

Erst später lasen wir von den weit hinter den Erwartungen zurückbleibenden Besucherzahlen. Uns sollte es recht sein, wenn das Gedränge nicht allzu dicht ist. Also auf zur Lutherstadt Wittenberg.

Anreisetag Sonntag, da ist womöglich der Verkehr geringer, dachten wir und noch viele mit uns. Die Staus waren unvermeidlich, die Ankunft erst am späten Nachmittag. Der erste Rundgang durch Wittenberg erst zur Teatime. Gerade noch rechtzeitig, um einige Buden auf dem Marktplatz zu sehen, deren Betreiber sich schon mit dem Abbau beschäftigten. „Um 18 Uhr schließt hier alles, auch die Weltausstellung.“ Wir waren erstaunt.

Unser Erstaunen wechselte in Unverständnis, als die Dame am Ticketschalter freundlich darauf hinwies, dass die Weltausstellung am Dienstag geschlossen sei: Alle Buden, alle Veranstaltungen zu. Nur die öffentlichen Museen, die Kirchen und das 360-Grad-Panorama seien geöffnet. Das stehe auch überall.

Zugegeben, einen Ruhetag hatten wir höchstens der Eckkneipe von nebenan zugetraut, aber nicht einer Weltausstellung. Nachgeschaut auf der Homepage findet sich auf der Startseite auch kein diesbezüglicher Hinweis. Die Suche findet unter „Öffnungszeiten“ nichts. Erst unter dem Stichwort Tickets findet sich dann der gesuchte Hinweis, dass „mittwochs bis montags“ geöffnet ist. Von Ruhetag steht da nix. Eine wahrhafte Leistung der Verschleierung der Kommunikationsabteilung. Nun gut. Werden eben die Attraktionen in der Wallanlage am Montag abgegangen und der Besuch im Lutherhaus, Melanchthonhaus und in den Kirchen auf Dienstag verschoben.

Steg und Spiegel verändern die Perspektive. Ein Geschenk der Evangelischen Kirche in Deutschland an die Stadt Wittenberg. Foto: Anne-Elisabeth Eimuth

Der Torraum Spiritualität beeindruckt mit der Installation von Spiegeln und Stegen. In der Tat wechseln die Perspektiven. Ob die von den Veranstaltern beschriebene Erwartung sich erfüllt, ist sicher individuell verschieden: „In dieser Stadtoase ist Spiritualität unmittelbar erlebbar: Spiritualität als eine Erfahrung mit Gott, die auch eine eigene, innere und individuelle Erkenntnis und ein gemeinschaftliches Erlebnis ist.“

Der Installation des Torraums Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist sicher einer der Höhepunkte. Die Boote auf dem Teich sollen an die Flüchtlingsboote erinnern. Die Texttafeln rund um den See thematisieren Fragen zur weltweiten Gerechtigkeit.

Die gläsernen Anhänger mit ihren Installationen erschließen sich nicht auf den ersten Blick. Sind aber Teil des Torraums Globalisierung und weisen auf mögliche Lösungen vor allem im Umweltbereich hin. Gleich nebenan ist die Lichtkirche als Beitrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) aufgebaut. In der Werbung als „sakrales Kleinod“ gepriesen.

Der Segensroboter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sorgt für kontroverse Diskussion. Foto: Anne-Elisabeth Eimuth

Rund um die Lichtkirche der Segensparkour mit dem Segensroboter. Das mediale Interesse an diesem Automat war groß. Selbst ein chinesisches Fernsehteam interessierte sich für diese Kuriosität. Und auch bei unserem Besuch ertönt lautes Gelächter. Spuckt doch das Gerät auf Wunsch den Segen auch in Hessisch aus. Ist es ein spielerischer Umgang mit christlichen Riten oder eher die Banalisierung eines gottesdienstlichen Geschehens, das Gefühle von Gläubigen verletzen kann? Theologisch gefragt: Kann der Segen Gottes auch durch Automaten zugesprochen werden? Oder ist alles so nicht gemeint?

Die Lichtkirche der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau beeindruckt auch in Wittenberg. Foto: Anne-Elisabeth Eimuth

Am Stand ist man nicht unzufrieden. Fabian Voigt, Pfarrer und Reformationsbeauftragter der EKHN, bedauert im Gespräch auf der einen Seite, dass die Resonanz nicht größer ist, betont aber auf der anderen Seite die Qualität der Gespräche und Begegnungen. Im Massenbetrieb seien solche intensiven Begegnungen nicht möglich.

Voigt schnappt sich die Gitarre und schmettert einen Gospel. Einige stimmen ein in „Swing Low, sweet Chariot…,“ Da ist so etwas wie Kirchentagsstimmung spürbar. Doch nach wenigen Strophen ist es vorbei. War nur Soundcheck. Wenig später haben sich die Reihen gefüllt. Fünfzig Personen beim Abendsegen um 18 Uhr. Immerhin. Und zudem noch Nachdenkenswertes über Nächstenliebe.

Auch eine schöne Idee sind die knapp 300 Bäume, die Kirchen aus aller Welt als „Zeichen der Verbundenheit“ gepflanzt haben.

Der Besuch von Lutherhaus, Melanchthonhaus, Schlosskirche sind ein Muss. Das  Asisi-Panorama zeigt Wittenberg zu Luthers Zeiten. Die Lichtshow taucht das Gemälde in unterschiedliche Tageszeiten. Es gibt Einzelheiten zu entdecken. Der Alltag im ausgehenden Mittelalter war sicher keine gute alte Zeit.

Die neu renovierte Schlosskirche mit der wieder angebrachten Wandbemalung ist natürlich ein Zuschauermagnet. Das neu angebaute Besucherzentrum mit der Ausstellung von Exponaten von Ernst Barlach und Käthe Kollwitz ergänzt diesen historischen protestantischen Ort. Beim Orgel-Kurz-Konzert zur Mittagszeit war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Es sind die Andachten, die Gottesdienste, die Führungen, die Menschen anziehen. Die Exponate mit langen textlichen Erläuterungen sind dagegen sperrig.

Die „Weltausstellung Reformation“ ist eher ein nationales Zwischending aus ausgedünntem „Markt der Möglichkeiten“ und Freiluft-Museumspädagogik, leider etwas textlastig. Die Begleitveranstaltungen und Konzerte sind fast fast so unübersichtlich (oder sagen wir protestantisch korrekt: vielfältig) wie der Kirchentag. Es fehlt ein klares Konzept und eine klare Kommunikationsstruktur.

Auch wenn Lutherbotschafterin Margot Käßmann im MDR eine positive Entwicklung sieht. „Am Anfang ist es etwas schleppend angelaufen, aber jetzt sind wir zufrieden.“

Die Welterbestadt Wittenberg ist immer eine Reise wert. Da braucht es nicht einmal ein Jubiläum.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 11. August 2017 in der Rubrik Kultur, erschienen in der Ausgabe .

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Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt". Mehr über den Publizisten und Erziehungswissenschaftler ist auf www.eimuth.de zu erfahren.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Thomas Volz schrieb am 11. August 2017

    Weniger text- und mehr kreativlastig sind die Angebote für Kinder (und alle anderen)! Zur Taufe: Eine Wassertropfenlupe bauen und sehen, was alles im Wasser steckt; mit anderen Kinderspiele aus der Zeit Luthers spielen; ein Selfie von sich selbst mit selbstgebastelter Krone machen, zur Bibel: eine Geschichtendrehscheibe basteln, Friedenspostkarten verschicken, Segensgebete schreiben, in einen Baum hängen und eines mitnehmen und einiges mehr, verantwortet vom Gesamtverband für Kindergottesdienst. Erkenntnisse der Reformation elementarisiert, und mit relativ wenig Finanzaufwand umgesetzt!
    Löst natürlich nicht so viel Aufregungsfeedback aus wie der Segensroboter, der in jedem zweiten Bericht über Wittenberg fotografiert wird…

  • Elke Gutberlet schrieb am 11. August 2017

    Danke für die ausführliche Beschreibung!

  • Brigitte Babbe schrieb am 12. August 2017

    „Man ist nicht unzufrieden!“
    Man lasse sich das auf der Zunge zergehen. Denn eigentlich ist das das Fazit für diese Wittenberger Ereignisse. Stellt man Kosten und Erfolg gegenüber muss man – ist man ehrlich – zu dem Ergebnis kommen., dass wieder viel viel Geld verbrannt wurde, von einer Institution, die doch wissen sollte und wissen muss, wo es sinnvoller angewendet worden wäre.
    Oder gehört dieses erstaunliche Nichtwissen auch zum Sterbeprozess der Kirchen?
    Beim kritischen Lesen dieses Wittenbergberichtes bleibt mir wenig
    Hoffnung.

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