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Von – 25. September 2017

„Liebe, Sexualität und Fruchtbarkeit gehören zusammen“

Was die Sexualmoral betrifft, so hat sich die Haltung der katholischen Kirche inzwischen recht weit vom gesellschaftlichen Mainstream entfernt. Homosexualität, Verhütung, erst recht Abtreibung: alles verboten. Warum ist das so? Welche Argumente und Begründungen stecken dahinter? Das fragte Antje Schrupp den katholischen Frankfurter Stadtdekan, Johannes zu Eltz.

Gibt sich der Karawane der westlichen Moderne nicht geschlagen: Der katholische Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz. Foto: epd-Bild/Heike Lyding

Evangelisches Frankfurt: Herr Stadtdekan zu Eltz, welchen Stellenwert hat Sexualität aus christlicher Sicht?

Der Stellenwert der Sexualität ist denkbar groß. Ohne sie ginge es nicht weiter auf der Welt, und es gäbe auch keinen Menschen, der auf das Wort Gottes hört und es befolgt. Ohne Sexualität säßen wir nicht hier und könnten uns leibhaft Gedanken über sie machen. Also, Sexualität ist einfach zentral für das ganze Menschsein. Ich zögere ein bisschen, das zu sagen, weil ich der Sexualisierung der Diskurse nicht Vorschub leisten will. Die plakative Darstellung von Sexualität und auf einer anderen Ebene die Entwicklung der  Reproduktionstechnologien haben den Zusammenhang von Liebe, Sexualität und Fruchtbarkeit an vielen Stellen auseinandergezogen oder unkenntlich gemacht. Ob das dazu beigetragen hat, dass die Sexualität in ihrer Schönheit und Schwierigkeit und Wichtigkeit uns besser einleuchtet? Ich glaube nicht. Aber das ändert nichts daran: Gläubige und biblisch orientierte Menschen, die aus dem jüdischen Wurzelgrund ihre Kraft beziehen, müssen Sexualität dankbar feiern können als ein Geschenk des Schöpfers.

Das haben sie allerdings nicht immer getan. Gerade das Christentum steht in dem Ruf, sexualitätsfeindlich zu sein.

Es gibt uralte, in den Religionen tief eingefleischte Vorstellungen, dass Sexualität den Menschen befleckt und erniedrigt und so von Gott wegführt. Das ist nicht mit Christus in die Welt gekommen, es ist viel älter. Zunächst hat sich das Christentum von solchen Vorstellungen fernhalten können, aber dann ist dieses archaische Reinheitsdenken auch in der Kirche wieder rezipiert worden. Die Institution des Zölibats all derer, die dem Heiligtum dienen, wäre anders gar nicht denkbar. Auch in unsere Ehemoral hat das Eingang gefunden. Da müssten wir eigentlich sagen: Von diesen Unfreiheiten hat uns Christus befreit. Dass wir uns durch Enthaltsamkeit erst in den Zustand einer Reinheit zu versetzen hätten, ohne die wir Gott nicht nahen dürfen, das ist nicht christlich. Wo von diesen mächtigen Tabus noch alte Reste da sind, oder sie sogar neu an Stärke gewinnen, da müssen wir das Licht von Gottes Wort darauf lenken und uns mit Aufklärung den Ängsten in den Weg stellen.

Auch dem Zölibat?

Ich denke, dass der Zölibat ohne diese halb bewussten Vorstellungen nicht im Hochmittelalter für den ganzen priesterlichen Stand eingerichtet worden wäre. Das kann man, bei Hochschätzung dieses Charismas für einzelne, hoffentlich viele einzelne, so nicht mehr aufrechterhalten. Das Reinheitsdenken ist aber kein offen zutage liegender, im Diskurs stehender Gedanke, sondern das steckt ganz tief im Unbewussten und hat durchaus mit der Ambivalenz von Sexualität zu tun, die ja auch jeder erfahren kann. Zudem kommen heute Reinheitsvorstellungen mit den orientalischen Religionen erneut zu uns zurück. Ich denke, für Christen ist ein unbefangener, dankbarer, achtsamer, aber nicht naiver Umgang mit Sexualität angemessen. Also auch keine Verkennung, dass sie eine Nachtseite hat, und dass, wenn sie missbraucht wird, furchtbare Unfreiheit und Missbrauch in ihrem Schlepptau sein können.

Warum lehnt die katholische Kirche homosexuellen Sex, also Sex zwischen gleichgeschlechtlichen Personen, so strikt ab?

Einer evangelischen Leserschaft muss ich nicht erklären, dass die Ablehnung von Homosexualität dem biblischen Zeugnis und der biblisch begründeten Tradition geschuldet ist. Christus im Evangelium höre ich davon nicht sprechen, aber im Alten Testament gibt es klare Abgrenzungen, und dann vor allem beim Heiligen Paulus. Man müsste sich schon von einer unmittelbar normativen Geltung der alt- und neutestamentlichen Gottesworte abschneiden und sie radikal relativieren und umdeuten, um davon wegzukommen. Katholiken haben zudem noch naturrechtliches Denken aus der Antike mitgenommen, also die Vorstellung, dass Gott in der Weise, wie er die Natur geordnet hat, sehr wohl ein Sollen hineingelegt hat in das, was wir als natürlich oder normal erkennen können. Und es ist ältestes katholisches Weltverständnis und Lehre von den Sitten, die Gott als verbindlich vorgegeben hat, dass Sexualität normalerweise gegengeschlechtlich ist und dass sie offen ist für die Weitergabe des Lebens, für leibliche Nachkommenschaft.

„Normalerweise“ heißt ja nicht „immer und unbedingt“…

Richtig, das „Normalerweise“ schließt ein, dass es Ausnahmen gibt, aber im Verhältnis von Regel und Ausnahme, von Zielführung und Abweichung. Dafür ist moderner Diskurs unheimlich empfindlich geworden, weil wir gemerkt haben, was für ein Gewaltpotenzial in der Definition von Normalität liegt, und deswegen wird dieser Begriff als naiv und voraufgeklärt abgetan. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass die Weise, mit der jetzt alles gleich gültig und gleichgültig gemacht werden soll, ihrerseits Gewaltpotenzial hat, und dass die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über Sexualität auf diese Weise nicht zu befrieden sind. Wir bekommen massive kulturelle Verwerfungen, zumal sich unsere Gesellschaften neu mischen und wir uns mit Traditionen jetzt auch hier in unseren Städten auseinandersetzen müssen, die davon ein völlig anderes Bild haben.

Was bedeutet das für den Umgang der Kirche mit  homosexuellen Menschen?

Wichtigste Erkenntnis für mich aus der jüngeren Vergangenheit der katholischen Lehre ist, dass der homosexuell orientierte Mensch kein Mensch geringeren Werts oder zweiter Klasse ist. Er darf um seiner sexuellen Präferenzen willen nicht um seine Menschenwürde gebracht werden, er darf in seinem Menschsein nicht diskriminiert werden, und er darf auch in keiner Weise als ein schlechteres Mitglied der Kirche betrachtet werden oder als jemand, der zu den Heilsmitteln der Kirche keinen Zugang hätte. Alles das ist mit katholischer Lehre nicht vereinbar.

Das heißt: Homosexuelle Menschen sind okay, Homosexualität als Praxis oder Lebensform aber nicht?

Menschen sind gleichwürdig und gleichwertig, bei Formen von Sexualität aber macht die katholische Kirche Unterschiede und sagt: Hauptsächlich und vom Schöpfer und der Schöpfungsordnung her geht es um die Begegnung von Mann und Frau und um die Weitergabe von Leben in Liebe. Solch eine normative Position ist natürlich immer hochgradig anfällig für Heuchelei. Dafür, dass sie dem Einzelnen nicht gerecht wird, sondern alle abstrakt beurteilt und alles über einen Leisten schlägt. Das ist die eine Gefahr, die sieht Papst Franziskus besonders deutlich. Die andere Gefahr ist, dass man blind wird für die Wirklichkeit von sexueller Diversität in der eigenen Kirche und im eigenen Klerus. Es ist bestimmt so, dass im katholischen Klerus Homosexualität überrepräsentiert ist gegenüber dem gesellschaftlichen Mittel, und wir müssen eine wahrhaftige und menschenwürdige Form finden, um mit dieser Tatsache umzugehen, sonst sind wir strukturell unglaubwürdig. Wir müssen es auch hinkriegen, mit homosexuellen Menschen zu sprechen anstatt über sie, denn es ändert den Diskurs, wenn man den anderen in seinem Sosein wahrnimmt und zur Sprache kommen lässt. Also nicht mit Vorverurteilungen, sondern zunächst mal als Mitmenschen und Mitchristen. Ich hoffe aber, dass wir da auf dem Weg sind, und soweit ich es kann mit meinen kleinen Möglichkeiten, will ich gerne dazu beitragen.

Was viele Menschen heute noch weniger nachvollziehen können, ist die ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Verhütung. Was kann man denn dagegen haben?

Inmitten aller dieser Auseinandersetzungen, bei denen die Karawane der westlichen Moderne längst an der katholischen Kirche vorbeigezogen ist, steht ein menschen- und lebensfreundlicher Grundgedanke, nämlich dass die Einheit von liebender Vereinigung und Fortpflanzung, die verletzlich ist, aber doch vorhanden, im Menschen grundgelegt ist; also dass dieses kostbare Gewebe nicht auseinander gerissen werden darf. Das ist ein Gedanke, den ich ganz stark machen will. Die überall propagierte und vermeintlich hundertprozentig wirksame Verhütung hat den Sex nicht spannender und nicht erotischer gemacht. Vielleicht sorgloser, aber es geht mit der Qualität der Fruchtbarkeit auch etwas von seiner Größe und Tiefe verloren, und wenn es nur die Angst vor Schwangerschaft wäre. Das zweite Bedenken, das ich äußern möchte: Die meisten Verhütungsmethoden sind praktisch allein Sache der Frauen, und auch bei Kondomen steht der Mann nicht automatisch zu seiner Verantwortung. Ob das ein Beitrag zur Partnerschaft der Geschlechter ist, möchte ich doch stark in Zweifel ziehen. Da finde ich die Vorliebe der katholischen Kirche für natürliche Familienplanung, die den natürlichen Rhythmen folgt und ein Verstehen der weiblichen Biologie und Sexualität durch den Mann unabdingbar macht, gut nachvollziehbar. „NFP“ ist ein Nischenprodukt, aber ein gutes.

Das Risiko trägt aber die Frau, denn sie ist es, die dann vielleicht schwanger wird und unter Umständen aber nicht schwanger werden wollte.

Es ist die Frau, die schwanger wird, und es ist oft auch die Frau, die dann dran ist und sehen muss, wie sie das Problem löst. Nach meiner Erfahrung ist es häufig der Druck aus dem familiären Umfeld oder der Erzeuger, die dann hinter dem Wunsch einer Frau nach einer Abtreibung stehen. Wenn sie nicht genervt und genötigt, sondern unterstützt würden, kämen, glaube ich, viele Frauen im Leben nicht darauf.

Umso wichtiger wäre aber doch die Möglichkeit der Verhütung.

Ich möchte einfach fragen, ob die Fiktion einer nach Belieben zu- und abschaltbaren Fruchtbarkeit die medizinischen und sozialen und seelischen Risiken nicht einseitig den modernen Frauen aufbürdet. Brave new world. Aber so toll finde ich die neue Welt sexueller Sorglosigkeit gar nicht. Die Seelsorger sehen auch die Schattenseiten. Der Grundgedanke von Humanae Vitae, dass jeder einzelne „eheliche Akt“, jedes Mal, wenn Mann und Frau miteinander schlafen, grundsätzlich der Möglichkeit offen stehen muss, dass dabei auch ein Kind entstehen kann, ist gewiss eine steile These. Aber es war ein Versuch, der Sexualität ihre Würde und ihr existenzielles Gewicht zu erhalten. Das erscheint heute vielleicht nicht mehr so rückständig wie 1968. Nur ist es halt immer schwer, wo es um Sexualität geht, mit Prinzipien zu punkten.

Zumal Sexualität viele andere Aspekte hat, die in der Praxis häufig wichtiger für die Beteiligten sind als die Fortpflanzung.

Ich glaube, dass auch die katholische Kirche heute sieht und sagt, dass die Freude am Beieinander sein, die Vertiefung der Gemeinschaft, das Erlebnis der Lust und was es an Entgrenzung und Loslösung bietet, dass alles das gleichwertig ist mit dem Aspekt von Fruchtbarkeit. Wir müssen die Einseitigkeiten auflösen. So wie die Ehe auch für Selbstverwirklichung und Gattenwohl da ist, und nicht nur als Basis für Familie, so ist auch Sexualität für Lust und Liebe geschaffen und nicht nur als ein Mittel zur Fortpflanzung. Das wird Ihnen jeder moderne und lebenskundige Katholik heute auch so sagen.

Aber es bleibt dabei: Das Risiko einer Schwangerschaft trägt die Frau, da es allein ihren Körper betrifft. Können Sie nicht nachvollziehen, dass die Möglichkeit einer legalen Abtreibung für Frauen wichtig ist?

Ich habe ja oben angedeutet, wie ich das mit der Schuld sehe. Aber die Sache selber, dass Abtreibung die Tötung eines unschuldigen Menschen ist und nicht irgendwie ein Instrument von Familienplanung, daran halte ich unbedingt fest. Der Folgeschaden in der Seele von Frauen, für den sich dann niemand mehr interessiert, von dem auch die Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen in der Regel nichts wissen wollen, der ist zu evident, als dass man darüber einfach hinweggehen könnte. Und: Verhütung und Abtreibung in die armen Länder zu exportieren, um das Bevölkerungsproblem auf diese Weise in den Griff zu bekommen, das finde ich eine üble Form von Neoimperialismus. Viel vernünftiger wäre es, Handelsbedingungen so zu gestalten, dass Wohlstand in den armen Ländern wachsen kann, weil überall dort, wo Breitenwohlstand wächst, wie von Zauberhand die Fertilitätsrate runtergeht. Also wenn man etwas zur Bändigung des Bevölkerungswachstums machen möchte, dann ist es eine gerechte Verteilung von Ressourcen und von Wohlstand in der ganzen Welt, und nicht ein hemmungsloser Export von Kontrazeptiva, der die Pharmaindustrie reich macht.

(Lesen hier die evangelische Position zum Thema)

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 25. September 2017 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe , .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Alwina Niklas schrieb am 21. September 2017

    Ich verstehe den Gedanken, warum sich die kath. Kirche aus der Beratung von Frauen, die gerne abtreiben möchten, zurückgezogen hat. Antwort: Durch die Ausstellung der Bestätigung, die Beratungsstelle besucht zu haben, gibt man indirekt einen Vorschub für eine Abtreibung.
    Aber: Dadurch verliert die kath. Kirche aber auch die Möglichkeit, durch Vermittlung von Hilfestellungen, eine Frau und deren Partner von dem Gedanken der Abtreibung abzubringen.

  • Ricarda Moufang schrieb am 28. September 2017

    Das ist eine, für die katholische Kirche, differenzierte und sehr gute Stellungnahme. Dennoch: Männer können nicht über Schwangerschaft und die damit verbundenen vielen Fragen urteilen. Das können nur Frauen.

    Ricarda Moufang, Frankfurt/M.

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