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Von – 11. Oktober 2017

Alles auf Anfang: Wie junge Menschen die Politik retten wollen

Bei einem Demokratie-Slam in der Evangelischen Akademie am Römerberg präsentierten junge Menschen kreative Konzepte zur Politikvermittlung.

Junge Leute präsentierten in der Evangelischen Akademie Ideen für eine lebendige Demokratie. Foto: Rolf Oeser

Manchmal möchte man einfach nur verschwinden, wenn in Deutschland Politik gemacht wird. Aber es hilft nichts – wer mitgestalten will, muss raus ins Leben, raus zu den Menschen, dahin, wo es weh tut.

Aber warum nicht mit einem „Escape-Room“ beginnen, diesem beliebten Freizeitspaß, bei dem man sich durch das Lösen von Rätseln aus einem geschlossenen Raum befreien muss? Das hat sich die Gruppe um Pia Hansert gedacht, und aus der Idee ein Demokratie-Spiel gemacht.

Pia Hansert aus Frankfurt ist eine von dreißig jungen Stipendiatinnen und Stipendiaten der Evangelischen Akademie Frankfurt, die zum Halbjahresprogramm „Neustart Demokratie“ frische Vorschläge liefern wollen. Ungewöhnliche, teils radikale Ideen sind gefragt beim „Demokratie-Slam“.

So wie der Escape-Room. Das Team hat sich zunächst eine düstere Dystopie ausgedacht: Deutschland im Jahr 2070 wird von einer rechtsradikalen, faschistischen Partei namens „Elite der Deutschen“ regiert und ist ein wahrhaft unwirtlicher Ort. Wer keine Steuern zahlen kann, muss in den Knast, Presse- und Meinungsfreiheit sind unbekannt.

Im Escape-Room geht es nun darum, dass eine Gruppe von vier bis fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmern Strategien ersinnt, wie sie aus der politischen Sackgasse entkommen können. Das Team ist bereits in Gesprächen, um aus der Idee ein echtes Angebot zu machen. „Nach über 70 Jahren im Frieden gibt es heute in Deutschland diese bedrohliche Tendenz zu rechter Politik. Dagegen wollen wir etwas tun“, sagt Pia Hansert.

Der große Saal Akademie am Frankfurter Römerberg ist voll besetzt. Zwei Wochen nach der Bundestagswahl ist das Bedürfnis offenbar groß, auch jenseits ausgetretener Pfade über die Themen Demokratie und Demokratievermittlung zu sprechen. Und genau darum geht es der Jungen Akademie in diesem Herbst.

Neue Ideen für eine starke Demokratie, um demokratische Werte, den öffentlichen Diskurs und die Bürgerinnen und Bürger zu stärken. Eine Aktivierung für ein friedliches, wehrhaftes und lebendiges Miteinander steht im Fokus der Projekte. Die Ideen werden an diesem Abend erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert. Konstruktives Feedback des Publikums soll den letzten Schliff für ihre Umsetzung ermöglichen.

Das funktioniert wie bei einem Poetry-Slam: Erst stellen alle sechs Gruppen ihre Ideen vor, dann wird abgestimmt – mit einem Regen aus Rosen. So haben sich also unter anderem Juristinnen und Theologen, Medizinerinnen und Theaterwissenschaftler zwischen 18 und 30 Jahren  zusammengefunden. So unterschiedlich die Teilnehmenden sind, so unterschiedlich sind auch ihre Projekte.

Katharina Knoche und Gesa Gürtler etwa haben sich der Kleinsten angenommen und sind eine Kooperation mit der Kinder-Uni Göttingen eingegangen. „Wir haben uns gefragt: Interessieren sich Grundschulkinder für Politik? Und wenn ja: Was bewegt sie?“, erklärt Katharina Knoche. Also sind die beiden in eine Grundschule gegangen, und haben Sophia, Lea, Jonas und viele andere Kinder gefragt. Zum Beispiel: „Was bedeutet Demokratie?“ „Ich glaube, Gerechtigkeit oder so“, hat Sophia geantwortet. „Alle dürfen mitentscheiden“, wusste Jonas. Gar nicht mal schlecht.

„Mich interessiert vor allem die Frage nach dem Verhältnis zwischen Medien und Demokratie: Wie können wir als Medien etwa auf Missstände hinweisen, wenn wir mit den klassischen Medien wie Tageszeitungen einen großen Teil der Bevölkerung gar nicht mehr erreichen?“, fragt dagegen Jana Kötter. Die Journalistin hat sich des Themas „Satire und Politik“ angenommen. Sie möchte sich in kleinen Runden zusammen mit anderen die ZDF-Sendung „Die Anstalt“ anschauen – und dann mit Prominenten darüber diskutieren.

„Wir sind Fragende, keine Besserwisser“, betont Akademie-Direktor Thorsten Latzel. Er berichtet im Saal vom großen Engagement der Stipendiatinnen und Stipendiaten, die „mit viel Arbeit und für kein Geld“ wilde Fantasien, Utopisches und Handfestes in die Tat umgesetzt hätten. Zwischendurch nahmen sie noch an Diskussionen mit Prominenten aus dem Politik-Diskurs teil: mit Axel Honneth etwa und Gesine Schwan.

Und so geht es weiter auf der Bühne: Raus aus der Filterblase und mit politisch Andersdenkenden aus dem Heimatdorf diskutieren wollen die einen, gemeinsam kochen die anderen. Was alle brauchen, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen: Geld und Öffentlichkeit. Deshalb wird auch niemand ausgebuht am Ende des Slams, sondern es gibt Rosen für alle – und Kontakte, aufgeschrieben von den Menschen aus dem Publikum, die gerne helfen wollen.

Wer die Projekte der Stipendiatinnen und Stipendiaten unterstützen möchte oder sich selbst für das kommende Jahr bewerben möchte, findet Infos im Internet: http://www.evangelische-akademie.de/junge-akademie-frankfurt

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 11. Oktober 2017 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Werner Hellwich schrieb am 11. Oktober 2017

    Zunächst einmal brauchen wir soviel Staatsbürgerkunde, dass wir erkennen, das die Staatsform in der wir leben die aufgeklärte „Republik“ ist, eine Bundesrepublik (s. GG)
    Und weil in unsere Republik alle Macht vom Volke ausgeht, der Bürger also frei ist und souverän, hat unsere Republik ein demokratisches Regelwerk, …..
    jeder Staatsbürger und sein persönlicher politischer Wille hat eine Stimme gleichen Gewichts.

    Daraus ergibt sich das Parlament mit
    seiner Mitte, seinem rechten und seinem linkem Flügel.

    Wer sich also um unsere Republik und unser demokratisches Regelwerk wirklich müht, kann daher alle legalen politischen Strömungen respektieren, kritisch begleiten und pflegen.

    Ihr Werner Hellwich

  • Werner Hellwich schrieb am 11. Oktober 2017

    (Zusatzbemerkung:
    Der Iran hat auch ein demokratisches Regelwerk, aber seine Staatsform ist die „Theokratie“)

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