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Von – 16. Oktober 2017

Kapitalismus könnte so schön sein – wenn die Finanzindustrie nicht wäre

„Finanzexperten kennen die Bedeutung von Geld nicht. Kapitalisten verstehen den Kapitalismus nicht.“ Die Journalistin und Historikerin Ulrike Herrmann machte in der Matthäuskirche, die inmitten der Banktürme steht, klar, dass Reichtum nicht Geld und der Kapitalismus nicht per se ungerecht ist.

Hajo Kühn, Ulrike Herrmann und Helge Peuckert in der Matthäuskirche. Foto: Angela Wolf

In ihrem Vortrag zum Thema „Geld regiert die Welt – wer regiert das Geld?“ ging taz-Redakteurin Ulrike Herrmann weit zurück, um Geld, Kapital, Zins und den Kapitalismus zu erklären: Bereits vor 5000 Jahren in Mesopotamien kannten die Menschen Geld, Tausch, Kredit und Zins. Wachstum und Effizienz jedoch waren damals unbekannt. Stagnierende Agrarkulturen waren die Regel.

Im Kern geht Herrmann, deren Buch „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand, davon aus, dass der moderne Wachstumskapitalismus seine Anfänge in den 1760er Jahren in England hat. Mit Erfindung des Webstuhls startete die Zeit der bis heute allgegenwärtigen Massenproduktion von Waren.

Die Maschine selbst war jedoch nicht die Initialzündung. Schon die alten Römer hatten Maschinen. Doch obwohl die römische eine hochtechnisierte Zivilisation war, kannte sie kein Wachstum. Allerdings hatte sie Sklaverei: Billige menschliche Arbeitskräfte und Maschinen zu deren Unterstützung. Dies war laut Herrmann der entscheidende Unterschied zum England der 1760er Jahre: Die Löhne in England waren extrem hoch, menschlich verrichtete Arbeit war teuer. Der englische Handel war nicht mehr konkurrenzfähig. Maschinen dagegen konnten massenhaft produzieren und verursachten im Verhältnis geringe Kosten. Die Idee der Effizienz im wirtschaftlichen Sinne war geboren.

Um all die in Masse produzierten Güter umsetzen zu können, bedurfte es Kaufkraft. Dies ist laut Herrmann der Grund, warum der Wachstumskapitalismus eigentlich keine extreme soziale Ungleichheit vertrage: Nur hohe Löhne bilden ein solches Kaufkraftvolumen, dass Produziertes verkauft und folgend Umsatz und Gewinn auf Seiten der Unternehmen verzeichnet werden könne. Insofern biete Kapitalismus politisch durchaus die Chance, Gleichheit zu schaffen, und eine Zeitlang schien das auch so: Es entstanden starke Gewerkschaften und eine auf Ausgewogenheit achtende Wirtschaftspolitik. Instrumente gibt es zuhauf und auch theoretisch wurden stabile Systemgebilde entwickelt.

Der Kapitalismus – ein sich tragendes System? Offensichtlich ja nicht, wenn man sich die heutigen Realitäten anschaut. Laut Herrmann liegt das daran, dass der Kapitalismus heute nicht mehr verstanden, dass er falsch interpretiert oder ausgelegt wird. Sie spricht sich klar gegen die gegenwärtig vorherrschende Neoklassik in der Lehre, auf den Finanzmärkten, in der Ökonomie aus. „Unsere vermeintlichen Finanzexperten verstehen den Kapitalismus nicht mehr!“

Die Neoklassik sieht in ihren Theorien keinn Finanzcrashs vor, obwohl es die immer wieder gibt, zuletzt im Jahr 2008. Und der nächste Finanzcrash bahnt sich bereits an, das meint nicht nur Ulrike Herrmann, sondern das sagten auch ihre Mitdiskutanten auf dem Podium, Hajo Kühn von der Initiative „Neue Geldordnung“ und der Wirtschaftswissenschaftler Helge Peukert von der Uni Siegen.

Alle drei sprechen sich für eine neue Geldordnung aus, nämlich für die theoretische Wiedereinführung der Lehren von Smith, Marx und Keynes sowie eine Neuausrichtung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Diese agiere derzeit ausschließlich im Sinne eines wirtschaftspolitischen Lobbyismus.

INotwendige Maßnahmen, über die sich die Diskutanten einig sind, wären Kreditvergaben ausschließlich für Investitionen. Spekulative Geschäft müssten gesetzlich unterbunden werden, ebenso wie Derivate. Eine Bank, die insolvent wird, müsse im ersten Schritt verstaatlicht und im zweiten abgewickelt werden.

Ulrike Herrmann sieht die Zukunft von Banken darin, sich auf ihre ursprünglichen Aufgaben zu besinnen: Die Prüfung von Kreditwürdigkeit. Optimal wäre eine Bankenlandschaft, so Ulrike Herrmann, die ausschließlich aus Volksbanken und Sparkassen bestünde. „Zockerbuden gehören abgeschafft. Die Deutsche Bank allen voran.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 16. Oktober 2017 in der Rubrik Ethik.

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Angela Wolf studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.

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