Ethik & Werte

„Es hat lange gedauert, bis sich die Kirche mit der Demokratie angefreundet hat“

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Noch bis weit in die 1950er Jahre hinein lehnte die Evangelische Kirche in Deutschland Konzepte wie Demokratie und Menschenrechte ab. Eine wirkliche Abkehr vom autoritären Obrigkeitsstaat begann eigentlich erst in den 1980er Jahren, sagte die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter bei ihrem Wintervortrag in der evangelisch-reformierten Gemeinde. 

Die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter bei ihrem Vortrag in der Französisch-reformierten Gemeinde.  |  Foto: Ilona Surrey
Die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter bei ihrem Vortrag in der Französisch-reformierten Gemeinde. | Foto: Ilona Surrey

Mit den Freiheits- und Grundrechten, die die Frankfurter Nationalversammlung 1848 proklamierte, verknüpften damals viele Menschen große Hoffnungen. Für die Innere Mission allerdings war die liberale Verfassung ein rotes Tuch. Deren „Kommunistischen Verheißungen“ prangerte sie als Lügen an und stellte klar: „Nur das Evangelium Jesu Christi kann das deutsche Volk vom Abgrund des Verderbens erretten.“

Mit dieser Auffassung stand die Inneren Mission nicht allein. Noch bis in die 1950er Jahre hinein lehnte die Evangelische Kirche in Deutschland demokratische Werte und Menschenrechte als „unevangelische Konstrukte“ ab, wie die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter in einem Vortrag zum Thema „Eine lange Fremdelphase. Evangelische Kirche und Demokratie“ in der evangelisch-reformierten Gemeinde vor Augen führte. „Den Mainstream des deutschen Protestantismus zeichnete nach unseren heutigen Maßstäben eine antidemokratische, anti-individualistische, antisemitische, antifeministische Haltung aus“, so ihr Fazit. Wenn sich heute die evangelischen Kirche gern als Verteidigerin und Bewahrerin der Demokratie positioniert, solle sie daher „etwas demütiger auf die Geschichte schauen“. Kunter sprach im Rahmen der Wintervorträge der evangelisch-reformierten Gemeinde, die sich in diesem Jahr der Frage „Rechtspopulismus – die dunkle Seite der Zivilgesellschaft?“ widmen.

„Herr, bewahre uns vor Freiheit, Gleichheit und Menschenrechten“

Auch die Französische Revolution habe die Mehrheit der Protestanten in Europa als „Schreckensszenario und Synonym für Chaos, Anarchie und Kirchenfeindlichkeit“ betrachtet, so die Kirchenhistorikerin. Während man in Amerika 1776 die Unabhängigkeits- und 1791 die Menschrechtserklärung verankerte, sei im anglikanischen Klerus das Stoßgebet „Vor Freiheit, Gleichheit und den Menschenrechten bewahre uns, o Herr“ kursiert.

Erst recht nicht willkommen waren im Protestantismus die Ideen von Karl Marx oder den Sozialdemokraten. „Wer sich christlich verhält, braucht keine Demokratie“ sei die Maxime gewesen. Selbst Theologen wie Dietrich Bonhoeffer, der im Widerstand gegen die Nazis sein Leben ließ, habe von einer „allumfassenden theologischen Bestimmung des Menschen“ gesprochen und in seiner Ethik ein liberales Konzept der Menschenrechte kritisiert.

Allerdings habe es stets auch Ausnahmen gegeben, betonte die Theologin. Die Hugenotten hätten zumindest anfangs die Französische Revolution unterstützt, Mennoniten und Quäkerinnen in England und Amerika die Abschaffung der Sklaverei vorangetrieben. Auch einzelne Theologen wie etwa Ernst Troeltsch hätten Demokratie und Menschenrechte begrüßt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte der in Genf ansässige Ökumenische Rat der Kirchen an der Formulierung der Allgemeinen Menschenrechtserklärung von 1948 mit.

Prominente Theologen plädierten für die Todesstrafe

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich freilich recht schwer damit getan, die Menschenrechte anzuerkennen. Auf der EKD-Synode von 1949 erteilte die Mehrheit der protestantischen Delegierten der Erklärung eine Absage. Prominente Theologen plädierten sogar für die Beibehaltung der Todesstrafe.

Aber woher die Ablehnung? Kunter vermutet, dass in der Sichtweise vieler Protestanten die säkular begründeten Menschenrechte den Glauben an eine höhere normative Instanz konterkariert hätten. „Erst Mitte der 1960er Jahre hat sich allmählich der enge, national orientierte Blickwinkel des deutschen Protestantismus geöffnet.“

Angespornt durch die Studentenbewegung, Diskussionen um die Notstandsgesetzgebung, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, den Befreiungsbewegungen der Dritte-Welt-Länder oder dem Civil-Rights-Movement in den USA, hätten sich evangelische Akademien, die kirchliche Erwach­senenbildung oder Zeitschriften damals verstärkt mit der Menschenrechtsthematik befasst. Seitens der EKD seien diesbezügliche Schritte allerdings erst ab Mitte der 1970er Jahre erfolgt. Und noch einmal weitere zehn Jahre habe es gedauert, bis im Kontext der Friedensbewegung endlich auch der Demokratie „der offizielle Durchbruch bei der EKD gelungen“ sei.

Kirchentage spielten eine maßgebliche Rolle beim Umdenken

Eine maßgebliche Rolle bei der Erneuerung und Demokratisierung des deutschen Protestantismus hätten vor allem die Kirchentage gespielt. „Sie waren Ausdruck eines neuen engagierten Protestantismus, der aus der Mitte der Gesellschaft kam und differenziert zu den Problemen der Gesellschaft Stellung nehmen wollte“, so Kunter.

Als die EKD 1985 dem Thema Demokratie ihre erste Denkschrift widmete, begannen in der DDR gerade unzählige Menschen, den Wandel von Politik und Gesellschaft einzuläuten. Der gewaltfreie Übergang von der Diktatur in die Demokratie ist für Katharina Kunters „vielleicht keine protestantische Revolution, aber doch zu einem guten Teil von engagierten Protestanten getragen gewesen“. Umso mehr bedauert sie, dass die EKD voriges Jahr unter dem Titel „Konsens und Konflikt: Politik braucht Auseinandersetzung“ ein Positionspapier veröffentlichte, das „mit keinem einzigen Wort diese positive Demokratiegeschichte erwähnt“. Dass niemand aus den östlichen Bundesländern an der Schrift beteiligt war, erschütterte sie nicht minder.

Aufgrund ihrer Forschungsarbeit zu den Umbrüchen der vergangenen Jahrhunderte zieht Kunter die Bilanz: „Ohne die englische und französische Liberalität würden wir möglicherweise alle noch in einem gut geordneten deutschen Obrigkeitsstaat sitzen.“ Was die „lange Fremdelphase“ anbelangt, so täte es ihrer Ansicht nach der Evangelischen Kirche gut, in den gegenwärtigen Debatten des Jahres 2018 „eine gewisse Dankbarkeit gegenüber dem säkularen Konstitutionalismus und Einsicht in die historische Gestaltfähigkeit“ zu bezeugen.


Autorin

Doris Stickler 14 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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