Ethik & Werte

Die Sonntagsruhe ist seit Jahrhunderten umstritten

Dieses Jahr gibt es in Frankfurt keine verkaufsoffenen Sonntage. Gewerkschaften und die katholische Arbeitnehmerbewegung haben gegen entsprechende Pläne erfolgreich geklagt.

Spaziergang statt Shopping? Der freie Sonntag ist alte Tradition. | Foto: Rolf Oeser
Spaziergang statt Shopping? Der freie Sonntag ist alte Tradition. | Foto: Rolf Oeser

Der Einzelhandel ist gebeutelt. Die Konkurrenz aus dem Netz ist groß, dort kann man rund um die Uhr nach Lust und Laune Waren bestellen. Es wird immer schwerer, Kundschaft in die Geschäfte zu locken, wenn die nicht grade mitten auf der Zeil liegen. Und sonntags, wenn die ganze Familie mal Zeit fürs gemeinsame Shoppen hätte, darf man nicht öffnen.

Ein verkaufsoffener Sonntag war in Frankfurt immer ein Garant für hohen Umsatz. In diesem Jahr aber bleiben die Geschäfte an allen Sonntagen geschlossen. Die Gewerkschaften und die katholische Arbeitnehmerschaft hatten gegen Öffnungspläne geklagt. Und in der Tat stellten die Gerichte fest, dass die gesetzlichen Auflagen zur Sonntagsöffnung nicht eingehalten wurden. Eigentlich dürfen Kommunen in Hessen bis zu vier verkaufsoffene Sonntage genehmigen, aber nur aus besonderem Anlass. Um nicht wieder in die juristische Bredouille zu kommen, hat der Dachverband der Gewerbevereine in diesem Jahr ganz auf eine Sonntagsöffnung verzichtet.

Die Härte der Auseinandersetzung zwischen den Unternehmen auf der einen und den Gewerkschaften und Kirchen auf der anderen Seite zeigt, dass es in diesem Konflikt um etwas Grundsätzliches geht. „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ So steht es bereits in der Weimarer Reichsverfassung von 1919. Wörtlich wurde diese Feststellung dann später in das Grundgesetz übernommen.

Das Gesetz schreibt eine fast 2000 Jahre alte Tradition fest. Bereits im Jahr 321 ordnete der römische Kaiser Konstantin die christliche Sonntagsruhe an und verbot jegliche Arbeit außer der Feldarbeit. Mit dem Ende des weströmischen Reiches ungefähr ab dem Jahr 480 und den daran anschließenden Machtkämpfen verlor jedoch der Sonntag in Mitteleuropa seine Bedeutung als arbeitsfreier Tag wieder. Im Frühmittelalter gab es keine Sonntagsruhe.

Erst im Mittelalter wurden die kirchlichen Gebote wieder stärker beachtet und auch der Sonntag als Ruhetag befolgt. Martin Luther war der Sonntag als Ruhetag deshalb wichtig, weil sich die Menschen an diesem Tag mit dem Glauben beschäftigen konnten.

Bis ins 18. Jahrhundert wurde der Sonntag allgemein beachtet. Im Zuge der Industrialisierung jedoch geriet der arbeitsfreie Tag aus wirtschaftlichen Gründen erneut unter Druck: Die teuren Maschinen sollten weiterlaufen. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Arbeitsgesetze eingeführt, die den Sonntag als arbeitsfreien Tag festschrieben.

Beim Streit um den Sonntag ging es also meist um die Gewichtung zwischen wirtschaftlichen
Interessen und Lebensqualität. Wenn die Wirtschaft auch am Sonntag brummt, sei es in der Produktion oder im Handel, steigt das Bruttosozialprodukt. Dem halten die Gewerkschaften und die Kirchen die soziale Qualität des Sonntags entgegen: Man fürchtet, dass der Sonntag als Tag der Ruhe, der Familie, der Freizeit und auch der Gottesdienste ausgehöhlt wird. Will man darauf im 21. Jahrhundert wirklich wieder verzichten?


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Autor

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt". Mehr über den Publizisten und Erziehungswissenschaftler ist auf www.eimuth.de zu erfahren.