Ethik & Werte

Im Christentum darf man alles essen - das ist heute fast schon exotisch.

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Speisegesetze sind aktuell wie eh und je. Da gibt es muslimische Eltern, die ihren Kindern geschächtetes Fleisch in die Kita mitgeben. Oder immer mehr Menschen, die vegan leben, also gleich ganz auf tierische Produkte verzichten. Die christliche Überzeugung, dass man alles essen darf, erscheint da fast schon exotisch.

Foto: Rawpixel.com/Fotolia.com
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Rind, Schwein, Milch, Eier, Alkohol – im Christentum gibt es keine Nahrungsmittel, die prinzipiell verboten sind. Das ist im Vergleich zu den meisten anderen Religionen eine Besonderheit. Im Judentum und im Islam etwa ist Schweinefleisch verboten. Anderes Fleisch muss auf eine bestimmte Art und Weise zubereitet werden, damit es „koscher“ beziehungsweise „halal“, also erlaubt ist. Im Hinduismus gelten Kühe als heilig und dürfen nicht verspeist werden, der Buddhismus bevorzugt das Vegetarische.

Aber auch außerhalb von Religionen sind Speiseverbote verbreitet. Ob aus gesundheitlichen, moralischen oder diätbedingten Gründen: Immer mehr Menschen schließen bestimmte Nahrungsmittel aus ihrem Menüplan aus. Sie verzichten auf Tierprodukte, auf Kohlenhydrate, auf Zucker, auf Cholesterin.

Was zunächst aussieht wie ein Problem anderer Leute, beschäftigt Erzieherinnen in evangelischen Krabbelstuben oder Kindertagesstätten ganz konkret. „In letzter Zeit wird häufig von muslimischen Eltern der Wunsch an uns herangetragen, dass wir Halal-Essen, also geschächtetes Fleisch anbieten“, sagt Pfarrer Michael Frase, der Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt. Kein Wunder: Immerhin ist ein Viertel der Kinder in evangelischen Kitas muslimisch. Gerade wenn ihre Eltern religiös sind, geben sie einer christlichen Einrichtung oft den Vorzug gegenüber einer kommunalen, wo Religion kaum eine Rolle spielt.

Wie auf solche Wünsche reagieren? Schweinefleisch gibt es sowieso kaum noch. Einige Kitas haben tatsächlich Halal-Essen ins Angebot aufgenommen, die meisten gehen aber pragmatisch vor: Speziell nach muslimischen Vorschriften zubereitete Mahlzeiten gibt es nicht, aber wenn die Kinder ihr Essen von zuhause mitbringen, ist es in Ordnung.

„Für viele sieht es so aus, als wären wir Christen nicht besonders fromm, weil wir keine Speisegesetze einhalten“, sagt Frase. „Das ist aber ein Irrtum: Es gehört nämlich gerade zu unserem Glauben, dass wir nicht zwischen ‚rein’ und ‚unrein’ unterscheiden. Der christliche Glaube sagt, dass wir alles essen dürfen. Das Wichtige ist, dass wir Gott für die Nahrung danken. Dass wir nicht vergessen, dass sie von ihm kommt.“

Kürzlich hat er für Erzieherinnen eine Fortbildung gemacht, damit sie für entsprechende Gespräche besser mit theologischen Argumenten ausgestattet sind. Denn es ist die Frage, wie weit man den Anfragen anderer Religionen entgegenkommen soll. „Ich finde, dass wir als christlicher Träger kein Halal-Essen anbieten sollten“, betont Frase. „Und zwar deshalb, weil das die liberalen Muslime unter Druck setzen könnte. Sie müssten sich dann vielleicht dafür rechtfertigen, kein Halal-Essen zu bestellen.“

Es ist jedenfalls nicht Gleichgültigkeit gegenüber der Religion, sondern im Gegenteil gerade die spezielle christliche Ausprägung von Religion, dass es keine fixen Speisegesetze gibt. Christinnen und Christen sind überzeugt, dass man nicht näher zu Gott kommt, wenn man bestimmte Dinge isst oder nicht isst. Sondern dass etwas ganz anderes wichtig ist.

Wie der Apostel Paulus sagte: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.“

„Nichts ist unrein“, sagt Paulus

Die ersten Christinnen und Christen gehörten zum Judentum und hielten sich selbstverständlich auch an dessen Speisegesetze. Da sie sich mit ihrer Botschaft vom Reich Gottes aber auch an Angehörige anderer Religionen wandten, stellte sich eine ganz praktische Frage: Müssen diese „Heiden“ sich auch an die jüdischen Gesetze halten, wenn sie Christen werden wollen? Das wäre sehr kompliziert gewesen, denn im Judentum gibt es sehr viele Regeln zu beachten. Daher beschlossen die Apostel zunächst, das Ganze auf drei zentrale Regeln zu vereinfachen.

Paulus aber hob die Speisegesetze letztlich ganz auf. In seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth verweist er auf den Psalm 24 aus der hebräischen Bibel, wo es heißt: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist.“ Wenn aber Gott alles geschaffen hat – warum sollen dann manche Dinge unrein sein?

Sogar gegen das Essen von Opferfleisch für heidnische Gottheiten hat Paulus nicht prinzipiell etwas einzuwenden: „Wenn euch Leute einladen, die nicht an den Gott Israels glauben, und ihr hingehen möchtet, esst alles, was euch vorgesetzt wird.“ Sein Argument: Da man selbst ja sicher ist, dass es diese Gottheiten gar nicht gibt, sondern nur den einen Gott der Juden und Christen, ist es auch völlig egal, ob man ihr Opferfleisch isst oder nicht.

Paulus empfiehlt, bei den eigenen Essgewohnheiten auf die anderen Menschen, mit denen man es gerade zu tun hat, Rücksicht zu nehmen. Sein Beispiel ist: Wenn man selbst „Götzenfleisch“ isst, etwa weil man bei Leuten zu Gast ist, die an diese heidnischen Götter glauben, dann könnten das andere, nicht so glaubensstarke Menschen falsch interpretieren und in Versuchung geraten, diese Gottheiten anzubeten. Diese Gefahr muss man natürlich vermeiden.

Das Alles-essen-Dürfen ist im Christentum jedenfalls kein starres Prinzip. „Wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie mehr Fleisch essen“, stellt Paulus klar.

Als Christin oder als Christ soll man die eigenen Essgewohnheiten also von Fall zu Fall bedenken und dem sozialen Kontext anpassen. Das heißt: Es wäre letzten Endes „unchristlich“, wenn zum Beispiel evangelische Kitas einfach da­rauf bestehen würden, dass es „bei uns“ nun mal Schweinefleisch gibt und damit basta.


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Antje Schrupp
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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com