Ethik & Werte

Nicht kneifen? Die eigene Meinung zu vertreten, ist für manche riskanter als für andere

Immer nur auf Schokolade, Alkohol oder Autofahren zu verzichten, ist langweilig. Aus diesem Grund denkt sich die evangelische Kirche jedes Jahr ein neues Motto für die Fastenzeit aus. „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“ heißt es diesmal.  

Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt.  |  Foto: Tamara Jung
Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt. | Foto: Tamara Jung

Der Geschäftsführer von „7 Wochen ohne“, Arnd Brummer, schreibt, wir sollten in dieser Zeit „mit offenem Visier“ unseren Mund aufmachen und die Dinge beim Namen nennen, „auch wenn es unangenehm werden kann“.

Das ist einerseits natürlich so richtig, dass man sich fragt, warum der Rat eigentlich nur für sieben Wochen gilt und nicht für das ganze Jahr. Andererseits aber kommt mir eine Mail in den Sinn, die gestern in meinem Postfach landete: Ein Mann schreibt darin (und zwar mit vollem Klarnamen), meine Texte seien ein „geistig dünnschissiges Elaborat“ und ich selbst eine „stinkende Gendernazi-Trulla“. 

Bei manchen Menschen wäre es definitiv besser, sie würden sich die eine oder andere Meinungsäußerung durchaus auch mal verkneifen. Ob wir im öffentlichen Diskurs wirklich zu wenig Meinungsstärke haben oder nicht doch eher zu viel, ist jedenfalls noch die Frage.

Es gibt natürlich in der Tat Menschen, die viel zu zurückhaltend sind und nie „Farbe bekennen“. Vielleicht hat die Fastenkampagne ja speziell sie im Blick. Ich kenne Leute, die drei Tage lang darüber nachdenken, ob sie auf Facebook etwas „liken“ sollen, oder ob sie damit schon zu viel von sich preisgeben. Leider sind genau sie meist die mit den eher gemäßigten und vernünftigen Ansichten.

Es gibt allerdings auch Menschen, die gute Gründe haben, vorsichtig zu sein. Die britische Zeitung „Guardian“ hat vor einiger Zeit mal nachgezählt: Von den zehn Autorinnen und Autoren, die in den Kommentarspalten dort die meisten Hasskommentare abbekamen, waren acht Frauen. Und die zwei Männer waren Schwarze. Es gehen halt nicht alle das gleiche Risiko ein, wenn sie sich zeigen und ihr „Visier“ hochklappen.

Ich muss also gestehen, dass mir das Motto der diesjährigen Aktion ein bisschen Mühe macht. Aber für Diskussionen ist es definiv ein Anstoß: www.7wochenohne.de.


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Antje Schrupp 93 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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