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Aus alt mach nachhaltig: Kleidung weitergeben ist die beste Lösung

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Von Jahr zu Jahr steigt die Menge ausrangierter Kleidung in Deutschland. Jetzt im Frühling werden die Schränke wieder fleißig ausgemistet. Das Karussell dreht sich immer schneller, und selbst der ökumenische Familienmarkt steht im Wettbewerb mit Kik und Co.

Sabine Reitz und Heidemarie Mauer, Mitarbeiterinnen des Familienmarktes, sortieren gespendete Kleidung.
Sabine Reitz und Heidemarie Mauer, Mitarbeiterinnen des Familienmarktes, sortieren gespendete Kleidung.

Die schiere Menge ist schon beeindruckend: 150 Säcke Altkleidung werden hier pro Tag an der Rampe abgegeben oder direkt beim Spender abgeholt. Das sind 1500 Kilo Textilien, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Lager täglich sortieren: Ist das Teil noch intakt, sind alle Knöpfe dran, ist es verkäuflich?

Der ökumenisch getragene Familienmarkt, der im vergangenen Jahr von Bornheim nach Enkheim gezogen ist, zwischen Hessen-Center und Möbelhäusern gelegen, hat in einer ehemaligen Lagerhalle nun endlich genügend Platz. Passt das Kleidungsstück zur Jahreszeit, kommt es gar nicht erst ins Lager, sondern gleich auf die Verkaufsfläche. Denn der Familienmarkt funktioniert wie ein richtiges kleines Kaufhaus, mit Saisonwechseln und eigenen Abteilungen nicht nur für Kleidung, sondern auch für Möbel, Geschirr, Hausrat und Spielzeug. Einkaufen dürfen hier alle, die einen Frankfurt-Pass haben, von Arbeitslosengeld II leben, studieren oder sich bei einer Beratungsstelle einen Berechtigungsschein ausstellen lassen.
„Wir wollen auch Menschen mit geringerem Einkommen ein würdiges Einkaufserlebnis bieten“, erklärt Betriebsleiterin Verena Schlossarek das Selbstverständnis des Ladens. Manche Kunden stöbern über Stunden durch das Sortiment, andere kommen täglich. „Für die sind wir wie ein zweites Zuhause.“

Und noch ein weiteres soziales Projekt verbirgt sich hinter dem Familienmarkt: Der Betrieb beschäftigt vorwiegend Langzeitarbeitslose, die vom Jobcenter zugewiesen werden. Sie sollen wieder den Anschluss an den Arbeitsmarkt finden oder auch einfach Struktur in ihren Alltag bringen. Eine Sozialarbeiterin kümmert sich ausschließlich um ihre Betreuung, auch Deutschkurse gibt es im Haus.
„Es wird immer schwerer, unsere Leute in den Arbeitsmarkt zu vermitteln. Aber für uns ist es schon ein Riesenerfolg, wenn ein trockener Alkoholiker trocken bleibt“, berichtet Verena Schlossarek. Für 55 Menschen bietet der Markt solche Arbeitsgelegenheiten. Auch vier Flüchtlinge in einer Integrationsmaßnahme machen hier Bekanntschaft mit dem Arbeitsleben in Deutschland. Unterstützt wird der Markt von zahlreichen ehrenamtlichen

Helfern und Helferinnen.Das Jonglieren mit den finanziellen Anforderungen empfindet die Leiterin zuweilen als Spagat. Zum einen soll der Betrieb wirtschaftlich arbeiten, zum anderen ist er Ausbildungs- und Qualifizierungsbetrieb. „Wir erwirtschaften hier Defizite“, bekennt sie. Das ist nicht weiter ungewöhnlich, denn im gewerblichen Sinne arbeiten Sozialkaufhäuser selten kostendeckend. Das liegt auch daran, dass sie nicht jeden Preis nehmen können.

Der Familienmarkt in Enkheim
Der Familienmarkt in Enkheim
Vier Euro kostet eine Jeans im Familienmarkt, das T-Shirt einen Euro, rund sechs Euro eine Jacke. Verena Schlossarek weiß, dass ihre Kunden genau prüfen, ob sie für das gleiche Geld nicht lieber ein neues Teil nebenan bei Kik kaufen sollen. „Wir stehen in Konkurrenz mit den Discountern.“50 Prozent der gespendeten Altkleider sind es am Ende, die der Familienmarkt im eigenen Laden absetzen kann. Die andere Hälfte verkauft man an einen gewerblichen Textilverwerter. Mit ihr passiert ab diesem Punkt also genau das gleiche wie mit den Containerspenden: Sie werden abermals sortiert und in die verschiedenen Verwertungskanäle eingespeist. Nach aktuellen Durchschnittszahlen des Dachverbandes für soziale Altkleiderverwertung „ Fair-wertung“ bleibt für rund 10 Prozent dann nur die Müllverbrennung, 15 Prozent taugen noch für Putzlappen, 20 Prozent können recycelt werden. Ergibt rund 55 Prozent, die weiter als Kleidung getragen werden können – nur eben nicht in Deutschland, denn die Verwerter exportieren diese Second-hand-Ware überwiegend nach Osteuropa und Afrika. Ob sie dort Fluch oder Segen sind, wird immer wieder diskutiert.

Seit Fast-Fashion-Ketten wie H&M oder Primark den schnellen Modekonsum anheizen, wachsen die Altkleiderberge. Den Verbraucher, die Verbraucherin freut der Preisverfall bei Textilien. Doch da das Budget für privaten Konsum eher größer geworden ist, wachsen die Altkleiderberge. Die gestiegene Quantität der produzierten und abgesetzten Ware geht einher mit einem Verlust an Qualität. Denn wenn alles billig sein muss, wird auch billig produziert. Doch Konsumverzicht ist für viele keine wirkliche Alternative.
Entwicklungshilfeminister Gerd Müller bemüht sich indessen um eine Verbesserung der Produktionsbedingungen. Gemeinsam mit der Textilwirtschaft will er den „Grünen Knopf“ als Siegel für faire Kleidung einführen.

Eine Million Tonnen Altkleidung geben Menschen in Deutschland alljährlich in Container oder andere Sammlungen. Würde man diese oft noch tragbaren Klamotten in LKWs packen, reichte deren Schlange von Flensburg bis hinunter nach Innsbruck – und wäre um ein Fünftel länger als noch vor 20 Jahren.
Eines ist klar: Diese Menge ist viel zu groß, um damit noch wirklich Gutes tun zu können. „Den Anteil dessen, was wir über soziale Einrichtungen vor Ort verwerten können, schätzen wir auf deutlich unter 10 Prozent“, räumt auch Thomas Ahlmann vom Dachverband „Fairwertung“ ein.

Und doch gibt es bessere und schlechtere Möglichkeiten, gebrauchte Kleidung zu entsorgen. Bedenkt man, dass noch immer geschätzte 400.000 Tonnen im Hausmüll landen, ist der Einwurf in Container allemal ökologischer. Doch die beste Alternative ist es, die Altkleidung direkt bei Kleiderkammern oder Sozialkaufhäusern abzuliefern. Denn sie geben einen Teil der Ware für kleines Geld direkt vor Ort an Bedürftige. Ein Beitrag gegen die Verschleuderung von Ressourcen, der zudem noch Menschen die Möglichkeit einer sinnvollen Beschäftigung eröffnet.


Tipps: Weniger und richtig entsorgen
  • Je länger Kleidung genutzt wird, desto besser ist es für die Umwelt. Deshalb: Lieber Mode in guter Qualität kaufen, die wirklich gefällt und passt.
  • Nicht von niedrigen Preisen zu modischen Fehlkäufen verleiten lassen, die dann ungetragen im Kleiderschrank versauern.
  • Hochmodisches in Grenzen halten: Je mehr ein Teil im Trend liegt, desto schneller ist es wieder aus der Mode.
  • Tauschen ist eine hervorragende Art, Kleidung zu entsorgen, denn es sorgt für modische Abwechslung ohne Kaufrausch.
  • Öfter mal öffentliche und private Tauschpartys oder auch Online-Plattformen wie Kleiderkreisel.de nutzen.
  • Kleiderkammern und Secondhand-Kaufhäuser freuen sich über erhaltene und intakte Kleidung. Defekte oder abgetragene Kleidung kann in einem gekennzeichneten Beutel abgegeben werden. Schmutzige Ware ist tabu.
  • Aufschriften auf Kleidercontainern sind kritisch zu hinterfragen. Als seriös gelten das Label „Fairwertung“, das Siegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen („DZI Spendensiegel“) sowie das „bvse-Qualitätssiegel Textilsammlung“.


Familienmarkt

Röntgenstraße 10, 60388 Frankfurt,
Telefon 069 24751496550
www.familienmarkt-frankfurt.de


Autorin

Heike Baier 5 Artikel

Heike Baier zog vor 20 Jahren aus Südbaden nach Frankfurt und hat es nie bereut. Als freie Journalistin schreibt sie über Themen aus Psychologie, Bildung, Architektur und Nachhaltigkeit.

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