Gott & Glauben

Ein feministischer Islam – ist das vorstellbar?

Feministischer Islam? Viele würden da den Kopf schütteln, an Verschleierung, Kopftuch und die rechtlose Lage der Frauen in muslimischen Ländern denken. Seyran Ates, Frauenrechtlerin, Moscheegründerin in Berlin und deutsche Rechtsanwältin mit türkisch-kurdischen Wurzeln, möchte diesen verengten Blick auf ihre Religion aufbrechen.

Seyran Ates (links) und Susanne Schröter diskutierten in der Evangelischen Akademie am Römerberg über feministischen Islam.  |  Foto: Rolf Oeser
Seyran Ates (links) und Susanne Schröter diskutierten in der Evangelischen Akademie am Römerberg über feministischen Islam. | Foto: Rolf Oeser

„Ich bin Feministin, seit ich 15 Jahre alt bin, und glaube an Gott, seit ich denken kann“, erklärte Seyran Ates auf einer Veranstaltung zum Thema „Ein feministischer Islam“ in der Evangelischen Akademie Frankfurt. Sie lebe als Muslima ein selbstbestimmtes Leben in voller Menschenwürde und in allen Dingen den Männern gleichgestellt. Das sei mit ihrem Glauben vereinbar. Ates kann das mit Überzeugung vortragen, denn sie hat gemeinsam mit anderen Muslimen in Berlin eine Moschee gegründet und den traditionellen islamischen Religionsverbänden den Rücken gekehrt.

Die Ibn Rushd-Goethe Moschee bekennt sich zu einem säkularen liberalen Islam, den universellen Menschenrechten und dem Grundgesetz. Frauen und Männer beten in der Moschee gemeinsam und Ates fungiert als Vorbeterin (Imamin). Auch das sieht sie im Einklang mit dem Islam, denn es gebe keine strikte Ordination, die vorschreibt, dass nur Männer Vorbeter sein dürfen. „Eine weibliche Päpstin ist bis heute undenkbar, aber im Islam haben wir den Spielraum für eine geschlechterneutrale Auslegung der Ordination (Einführung in gottesdienstliche Ämter).

Dass das auf klare Ablehnung des Zentrums für islamische Rechtsfragen (Ägypten) und der türkischen Religionsbehörde Diyanet stößt, weiß Ates. Doch sie lässt sich davon nicht beirren, sondern ordnet das als Machtpolitik ein, die Frauen die Gleichberechtigung in der Religionsausübung vorenthält. Wenn als Beleg Suren aus dem Koran zitiert werden oder Hadithen (Überlieferungen von Worten Mohammeds), so müssten diese einer kritisch-historischen Analyse unterzogen werden. Das sei der Weg, den anderen Religionen beschritten hätten und den auch der moderne Islam beschreiten müsse.

„Es gibt die konservativen islamischen Theologen, die darauf beharrten, dass Suren im Koran Wort für Wort gelten müssen, heute und fortan bis in alle Ewigkeit“, kritisiert Ates und fordert zu einer anderen Herangehensweise auf: „Ich schaue mir den Kontext an, worum geht es überhaupt, wie sind die gesellschaftlichen Umstände und stelle dann die Frage, was können wir heute davon leben“. Der Islam habe auch aufklärerische Zeiten erlebt. Feministen könnten trotz patriarchalischer Strukturen viele hundert Vorbilder finden, starke Frauen, Imaminnen, Königinnen, Gelehrte, die partizipativ an der islamischen Gesellschaft teilgenommen hätten.

„Wie wollen Sie es schaffen, die kritisch-historische Methode zu verbreiten?“ fragte Susanne Schröter, die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, im anschließenden Gespräch. Denn der Widerstand der konservativen Theologen sei stark und erst recht der des politischen Islams, der weltweit mit Macht, Gewalt und Drohung sein Handeln hinterlege. „Wir praktizieren es“, antwortet Ates, wünscht sich aber mehr Akzeptanz und Unterstützung von anderen Muslimen und gerade auch von den Frauen. Mut braucht sie für ihre Haltung, denn seit der Gründung der Moschee braucht sie Polizeischutz wegen ernstzunehmenden Drohungen.

Gestreift wurde noch das Thema Kopftuch. Klare Töne schlug dazu Ates an, als Juristin und als Muslima. Das Kopftuch als religiöses Symbol dokumentiere die Trennung der Geschlechter und markiere die Frau als minderwertiges Geschlecht. Das sei mit dem Gleichheitsgebot und dem Grundgesetz nicht vereinbar und auch nicht mit dem Neutralitätsgebot des säkularen Rechtsstaates.


Autorin

Anne Rose Dostalek ist freie Journalistin und lebt in Frankfurt am Main.

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