Gott & Glauben

Ein „Gewitter auf zwei Beinen“: Das sagen die Frankfurter Stadtdekane über Luther

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Zum 500. Jubiläum der Reformation erläutern die beiden Frankfurter Stadtdekane zentrale Streitfragen zwischen den Konfessionen. In diesem Teil antworten sie auf die Frage: Wie und wann muss sich die Kirche verändern – und was halten Sie von Martin Luther?

Illustration: Verena Lettmayer
Illustration: Verena Lettmayer

Wie und wann muss sich die Kirche verändern – und was halten Sie von Martin Luther?


Achim Knecht, evangelischer Stadtdekan von Frankfurt: 

Der Klassiker reformatorischer Theologie heißt „Ecclesia semper reformanda“, also „Kirche muss immer reformiert werden.“ Das darf man allerdings nicht verstehen wie das italienische Sprichwort, wonach man alles ändern muss, damit sich nichts ändert. In der ersten seiner 95 Thesen hat Luther gesagt, dass das ganze Leben Buße sein soll, dass wir also immer bereit sein müssen, neu zu Gott umzukehren. Man hat Gott nie ein für alle Mal erreicht hat. Sobald man glaubt, jetzt aber nun wirklich das richtige Verständnis gefunden zu haben, ist man bereits auf dem besten Weg zum Götzen, zum Abgott. Die Richtung dieser „ständigen Reformation“ stützt sich vor allem auf das gründliche Lesen in der Bibel. Manche Dinge werden jahrhundertelang überlesen, zum Beispiel dass Jesus Jüngerinnen hatte und es in der Zeit der ersten Kirche weibliche Gemeindeleiterinnen gab. Man darf beim Bibellesen aber nicht nur auf den Buchstaben schauen, sondern muss immer nach dem fragen, „was Christum treibet“. Worum ging es Jesus wirklich? Diese Frage führt uns zur Mitte und zum eigentlich Gemeinten. Wenn die Welt und die Gesellschaft sich ändern, muss die Kirche sich ebenfalls ändern – nicht, weil sie dem Zeitgeist hinterhergeht, sondern weil sie eine Aufgabe in dieser Welt hat. Kirche muss heute anders sein also vor 500 Jahren, und sie muss in Deutschland anders sein als in Ghana oder in den USA, sonst kann sie Menschen nicht in Beziehung mit Gott bringen. Und was Martin Luther betrifft: Ich bin von seiner tiefen Frömmigkeit beeindruckt. Diese Freiheit, die er sich genommen hat, zum Beispiel bestimmte Kapitel aus der Bibel rauszuwerfen, die hätte ich nicht. Das hat schon etwas von einem Genie. Andererseits: Die Derbheit seiner Sprache und wie er manchmal auf die Katholiken eingedroschen hat – und auf alle anderen auch –, das ist schon eine etwas überhebliche Kehrseite dieser Freiheit und seines großen Gottvertrauens.


Johannes zu Eltz, katholischer Stadtdekan von Frankfurt: 

Mir ist Luther sehr nahe. Der Mann ist ja ein Gewitter auf zwei Beinen, und dieses Ur-Deutsche, das Tiefgründigkeit und Sinnenfreude miteinander mischt, ist mir selber sehr nah. Seine Sprache ist mir unmittelbar zugänglich, und es beglückt mich einfach, wie er aus dem Tiefsten seines Eigenen, also aus seiner deutschen Kultur schöpfend, das Evangelium für uns anschaulich macht. Ich will mich mit seinen Fehlern und Sünden nicht aufhalten, das tut die evangelische Kirche selber ausreichend. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass der Zugang zur Gestalt Martin Luthers heute von katholischer Seite vorsichtig würdigender oder positiver ist als der eigene evangelische. Zum Beispiel finde ich es zwar nötig, aber irgendwann auch wohlfeil, sich von seinem Antisemitismus abzusetzen. Der ist selbstverständlich indiskutabel, aber darauf muss man jetzt auch nicht dauernd herumreiten. Früher hat es mich gestört, dass Luther die für unveränderlich erklärte Ordnung der mittelalterlichen Kirche und damit auch der mittelalterlichen Welt zerbrochen hat, weil er die Subjektivität des um Gott ringenden einzelnen Menschen als archimedischen Punkt gefunden hatte. Heute fasziniert es mich, weil alle weltlichen Ordnungen dem Evangelium gegenüber relativ sind. Nirgends darf sich eine institutionelle Form so selbstsicher wähnen, dass sie sich nicht dem Geist Christi und seiner Veränderungskraft aussetzt. „Ecclesia semper reformanda“, also dass die Kirche laufend reformiert werden muss, ist kein lutherisches Eigengut, sondern darauf sind wir alle verpflichtet. Auch Luthers Kriterium „Was Christum treibet“, ist gut. Es gibt uns den Prüfungsmaßstab, um zu unterscheiden, was nur Zeitgeisterei ist und was eine notwendige Anpassung an die jeweilige Kultur, ohne die die Menschen Christus gar nicht verstehen könnten. Diese Orientierung hin auf den Gründungsimpuls eint uns Christen über alle Konfessionen hinweg.


Autorin

Antje Schrupp
Antje Schrupp 66 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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