Gott & Glauben

Gott ist ein Mensch, ein Mensch ist Gott. Die Weihnachtsbotschaft ist ein ziemlicher Hammer.

In Jesus ist Gott Mensch geworden. Diese Weihnachtsbotschaft hören alle, die an Heiligabend mal in die Kirche gehen. Aber selten machen wir uns klar, wie krass diese Behauptung eigentlich ist.

Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt.  |  Foto: Tamara Jung
Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt. | Foto: Tamara Jung

Zugegeben, auch in polytheistischen Religionen wie dem Hinduismus begeben sich Götter manchmal in menschlichen Körpern auf die Erde. Aber sie bleiben dabei Götter, sie „verkleiden“ sich nur als Menschen. Streng monotheistische Religionen wie das Judentum und der Islam lehnen die Idee komplett ab: Für sie ist Gott der Eine, der Höchste, der Schöpfer, der Unaussprechliche und Unerreichbare. Und kein Baby!

Auch im Christentum dauerte es fast ein halbes Jahrtausend, bis sich die Idee durchsetzte. Erst im Jahr 451 beschloss das Konzil von Chalzedon, dass Jesus gleichzeitig „wahrer Mensch und wahrer Gott“ sei. Sehr zum Ärger einer großen unterlegenen Fraktion, die nach wie vor die Ansicht vertrat, dass Jesus nur ein Mensch war. Ein Prophet zwar, ein besonders von Gott ausgezeichneter Mensch, aber eben nur ein Mensch. Genau das ist Jesus heute für Muslime und Musliminnen. Manche Religionshistoriker sind sogar der Ansicht, der Islam wäre nie entstanden, wenn das Christentum sich damals anders entschieden hätte.

Tatsächlich steckt in dem Thema viel Sprengstoff. Wenn Gottsein und Menschsein in eins fallen können – und sei es auch vorerst nur in einer einzigen Person – ist das eine fundamentale Kritik an der überlieferten Vorstellung von Gott als großem Zampano, der von oben herab alles entscheidet. Nein: Gott ist Mensch, ein Mensch ist Gott.

Für den Philosophen Ernst Bloch war damit die Grenze zum Atheismus überschritten: „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, nur ein Christ kann ein guter Atheist sein“, schrieb er. Karl Barth, einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts, kam durch das Nachdenken über Christus zu der These, dass das Christentum gar keine Religion sei.

Eigentlich schade, dass wir über so etwas kaum noch diskutieren. Im interreligiösen Dialog wäre es doch spannend, auch mal über Gott zu reden. Statt über Kopftücher.


Autorin

Antje Schrupp 93 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

6 Kommentare

28. Dezember 2017 12:07 Ute Plass

Das Jesuskind fragt: Wie oft muss ich noch im Stall zur Welt kommen, bis das gute Leben für alle da ist? Maria und Josef antworten: Wir wissen es nicht. Oh jemine, seufzt das göttliche Kind, da soll ich also weiter herhalten für den Weihnachtsdusel einer Menschheit, die ihr Knie beugt vor der Geldherrschaft, und sich gruselschön einlullt mit holder-Knabe-mit-lockigem Haar ?! Soll ich dann liegen bis zum St. Nimmerleinstag in einer Futterkrippe, auf nassfaulem Stroh?! Nein, Leute, das stinkt zum Himmel. Schluss mit dem Krippenspiel. Besser mit Pipi Langstrumpf um den Weihnachtsbaum springen, das coole Janosch Sprüchlein singen: Lustig sei das Leben, hilfreich und gut, damit mein’ ich nicht nur Fingerfood. Kurzum: Es ist genug für alle da, ihr könnt’s mir glauben, es ist wahr. So singt und springt und lacht und teilt, mistet den Welten-Stall aus, aber gescheit, und das nicht nur zur Weihnachtszeit ! “Schaffen wir das?”, fragt (nicht nur) das Jesuskind. (Ute Plass)

23. Dezember 2017 06:14 Georg H. Büsch

Vielen Dank für diesen schönen und provokanten Artikel! Ich finde die christliche Provokation geht noch weiter. In heidnischen - und bis heute in islamischen Vorstellungen - verlangt Gott, bzw. verlangen Götter Opfer von den Menschen. Bis hin zum Menschenopfer. Christen bezeugen, dass Gott - genau UMGEKEHRT sich für die Menschen opfert, um alle weiteren Opfer obsolet zu machen. Die Liebe zum Mitmenschen und sogar die Liebe zum Feind sind die Aufgabe. Das ist die Provokation und das was uns viel Unverständniss und Hass einbringt. ö Ich liebe Weihnachen so sehr, weil hier ein Kind, ein schwaches, hilfloses liebesbedürftiges Kind im Mittelpunkt steht. In welcher anderen Religion gibt es sowas?

23. Dezember 2017 06:13 Georg H. Büsch

Vielen Dank für diesen schönen und provokanten Artikel! Ich finde die christliche Provokation geht noch weiter. In heidnischen - und bis heute in islamischen Vorstellungen - verlangt Gott, bzw. verlangen Götter Opfer von den Menschen. Bis hin zum Menschenopfer. Christen bezeugen, dass Gott - genau UMGEKEHRT sich für die Menschen opfert, um alle weiteren Opfer obsolet zu machen. Die Liebe zum Mitmenschen und sogar die Liebe zum Feind sind die Aufgabe. Das ist die Provokation und das was uns viel Unverständniss und Hass einbringt. ö Ich liebe Weihnachen so sehr, weil hier ein Kind, ein schwaches, hilfloses liebesbedürftiges Kind im Mittelpunkt steht. In welcher anderen Religion gibt es sowas?

22. Dezember 2017 16:24 uwe

Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, nur ein Christ kann ein guter Atheist sein“, Ich liebe solche scheinbaren Wiedersprüche, In einer Diskussion sagte jemand, der sich selbst Wissenschaftler nannte, er sei nicht religiös. Neben einigen Fakten über das Universum, kam er beim Schreiben über das Universum ins Schwärmen. Ohne es bemerkt zu haben, hattte er die Grenze der Wissenschaft längst überschritten und ist schon ins thelogische und philosophische Fahrwasser geraten. Denn Wissenschaft beruht auf harten Fakten. Wer über das Universum staunt und das tue ich auch, ist schon in gewisser Weise religiös. Ich wünsche ein frohes Fest

20. Dezember 2017 23:18 Geertje Wallasch

Lesenswert, bedenkenswert ....danke! Adventlicher Gruß July 😉

20. Dezember 2017 22:07 Dr. Manfred Spieß

Der „Hammer“ kann aber, wenn er zu stark den Kopf berührt, wie es im weihnachtlichen Stakkato allerorten zu spüren ist, ziemlich benebeln. Kaum jemand kümmert sich darum, dass es die im Artikel genannten kirchenpolitischen Entscheidungen, oft unter kaiserlichem Einfluss, gegeben hat. Alle tun so, als sei die Weihnachtsreligion so vom Himmel gefallen und müsse von allen geteilt werden. Gerd Theißen hat die Entwicklung des Glaubens in Richtung zunehmender Vergöttlichung Jesu als „Überbietungssynkretismus“ Bezeichnet. Wie in einem Medaillenwettbewerb wird Bronze, Silber, Gold und Platin in den christlichen Sprachgebrauch eingearbeitet, bis alles ander vernebelt ist. Die religionsgeschichtlichen Folien dazu lieferten Römer und Griechen. Und den machtpolitischen Zement lieferten die Kaiser. Die mit Staatstaxis angereisten Bischöfe lieferten dann artig ein passendes Glaubensbekenntnis. Ich meine, weniger ist mehr. Besonders an Weihnachten. Wer Gottessohn heute noch biologisch versteht oder gar verkündet, handelt vorsätzlich gegen die Wissenschaft. Der Interreligiöse Dialog kann von mutiger Anerkennung der religionsgeschichtlichen Fakten im Christentum nur profitieren. Und die Glaubensredlichkeit auch.