Gott & Glauben

Sonntägliches Heimatgefühl: Die rumänisch-orthodoxe Gemeinde trifft sich im Kuhwald

Die rumänische Gemeinschaft im Rhein-Main-Gebiet wächst stetig. Und die Menschen bringen natürlich auch ihren Glauben mit: Seit einem Jahr feiern rumänisch-orthodoxe Christinnen und Christen im Gemeindehaus der Dreifaltigkeitsgemeinde im Kuhwald ihre Gottesdienste.

Ein Stück Heimatgefühl und kulturelle Tradition finden rumänisch-orthodoxe Christen im Gottesdienst. links Priester Mircea Deac.  |  Foto: Rui Camilo
Ein Stück Heimatgefühl und kulturelle Tradition finden rumänisch-orthodoxe Christen im Gottesdienst. links Priester Mircea Deac. | Foto: Rui Camilo

Ein Gemeindesaal im Frankfurter Stadtteil Kuhwald. Rundherum Häuserblocks aus den 50er und 60er Jahren, Wiesen mit Wäschestangen, winzige Reihenhäuschen, die Leonardo-da-Vinci-Allee. Jenseits der Allee ragen Neubauquader mit bodentiefen Fenstern, Hotels, Messegebäude und das neue Europaviertel in den grauen Winterhimmel. Die Kuhwaldsiedlung im Schatten des Güterbahnhofs ist eine Gegend, die den Wandel Frankfurts anschaulich macht wie kaum eine andere.

Das große, funktional angelegte evangelische Gemeindehaus in der Funckstraße fügt sich gut in den Mix aus kleinbürgerlicher Idylle und urbanen Träumen ein. Ein kleiner Kiosk mit ein paar Biertrinkern davor, ein Spielplatz auf der anderen Straßenseite, genügend Parkplätze rundherum.

Sonntags lässt sich hier der Wandel der Stadt, vielleicht sogar der Wandel einer ganzen Region, eines ganzen Landes, sogar der Wandel Europas erleben: Die rumänisch-orthodoxe Gemeinde feiert Gottesdienst im gemieteten Saal im dritten Stock. Weil Rumänien seit 2007 der Europäischen Union angehört, weil Menschen aus dem osteuropäischen Land seit 2014 hier ohne Beschränkung arbeiten dürfen, wächst die Community im Rhein-Main-Gebiet schnell. 

„Wir feiern seit einem guten Jahr unsere Gottesdienste hier und sind sehr dankbar, dass die evangelische Gemeinde uns aushilft“, sagt Pfarrer Mircea Deac. Er ist 38 Jahre alt und lebt seit elf Jahren in Deutschland, der Aufbau einer eigenen neuen Gemeinde macht ihm sichtlich Freude. 

Eine Atmosphäre wie beim Familientreffen

Wer ihn sprechen will, muss am Sonntag früh aufstehen: Um 8.45 Uhr beginnt der Gottesdienst, selten endet er vor 12 Uhr. Was für einheimische Protestantinnen und Protestanten womöglich anstrengend und etwas streng klingt, ist das Gegenteil: Wer ruhig auch ein bisschen später punkt viertel vor Neun die Treppen zum Gemeindesaal hoch läuft, wähnt sich eher bei einer Art Familientreffen. Vor der Tür unterhalten sich Frauen mit bestickten Blusen und Kopfbedeckungen, sie lachen miteinander und rufen ihre schick angezogenen Kinder zur Ruhe. Irgendwann verstummen Sie aber und öffnen die Tür, suchen sich einen Platz im Raum und tauchen in eine andere Welt ein. Jetzt ist die Kuhwaldsiedlung auf einmal weit weg. Pfarrer Mircea Deac ist das Zentrum dieser Welt, dieses Vormittags, der feierlichen Stimmung.

Während der Predigt stehen die meisten Gläubigen. Zwar versteht die fremde Besucherin nur wenig von dem Geschehen in rumänischer Sprache, doch sind Würde und Harmonie zu spüren. Die Stimmung ist andächtig, friedlich, fröhlich. Erstaunlich viele Kinder sind zu sehen. Sie harren geduldig aus. Stundenlang. Sie trippeln mit den Füßen, wagen sich manchmal aus ihrer Stuhlreihe heraus, bleiben dabei aber nahezu mucksmäuschenstill.

Die rumänische Gemeinschaft in Frankfurt wächst stetig. Nach der politischen Wende 1989 und dem EU-Beitritt des Landes 2007 kamen viele Landsleute an den Main: IT-Fachleute und Wissenschaftlerinnen, zunehmend aber auch gering Qualifizierte, zum Beispiel in der Gastronomie.  

Weltweit zählt die rumänisch-orthodoxe Kirche rund 20 Millionen Mitglieder und ist damit nach der russischen die zweitgrößte eigenständige orthodoxe Gemeinschaft der Welt. Kirchenoberhaupt ist der Patriarch in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. Rund 300.000 Mitglieder leben im europäischen Ausland, in Deutschland gibt es zurzeit 26 Gemeinden, die von 24 Priestern und einem Diakon betreut werden. 

Gottesdienst im dritten Stock des Gemeindehauses der Dreifaltigkeitsgemeinde.  |  Foto: Rui Camilo
Gottesdienst im dritten Stock des Gemeindehauses der Dreifaltigkeitsgemeinde. | Foto: Rui Camilo

Vorne am Altar brennen Kerzen. Ihr warmes Licht spiegelt sich im Blattgold der Ikonen: Johannes der Täufer und der Heilige Bartholomäus blicken die Männer, Frauen und Kinder im Saal an, sie sind gleichzeitig Raumteiler zwischen Gemeinde und Altar. Es riecht stark nach Weihrauch. Teile des Gottesdienstes spielen sich hinter der durchbrochenen Ikonenwand ab. Die Blicke gehen nach vorn.

Priester Deac in blau-goldenem Ornat rezitiert im Sprechgesang einen Text. „Halleluja, halleluja“, fällt die Gemeinde schließlich ein. Manchmal wird auf Deutsch ein „Friede sei mit euch“ eingestreut. Der Ablauf ist immer gleich und setzt die Zeit außer Kraft, je länger der Gottesdienst dauert. Das Vaterunser betet Mircea Deac auf Deutsch, auch Teile des Evangeliums übersetzt er – nicht wenige Gemeindemitglieder sind mit ihren deutschen Partnerinnen und Partnern gekommen.

Vieles ist der katholischen Liturgie ähnlich, manches ist anders, intensiver, ausdauernder. Es wird viel gesungen, aber kein Instrument gespielt; das Kreuzzeichen wird von rechts nach links gemacht. Oft steht der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde, um zu beten; doch beim Abendmahl kommen sich alle ganz nah.

„Heiliges Brot“ gibt es auch schon für die Kleinsten

Gegen Ende erhalten alle „heiliges Brot“, wie Deac es nennt. Babys werden von ihren Eltern in die Mitte des Raumes getragen, Kleinkinder und Jugendliche stehen in Schlangen an, um von ihren Gemeindevorstehern das Brot in die Hand zu bekommen: Abendmahl gibt es in der rumänisch-orthodoxen Kirche schon ab der Taufe. Und da ist es wieder, das Gefühl, sich auf einem Familientreffen zu befinden: Ein Brotkorb mit frischem, hausgebackenem Brot wird gereicht, Helferinnen und Helfer reichen es Kleinen und Großen, wenn gewünscht, brechen sie es in mundgerechte Stücke. Kinder flitzen mit den Happen davon, erfreuen sich am Rand des Saals stehend daran, tuscheln leise miteinander, schweigen verschämt, wenn sie jemand zurechtweist. Locker wirkt das alles, entspannt und wie selbstverständlich. Man nimmt das Geschehen zwanglos ernst. 

Der Gottesdienst als lästige Sonntagspflicht? Diesen Eindruck hat man zu keinem Zeitpunkt. Das Beisammensein in einem besonderen Moment der Woche, der an die Heimat erinnert und an die Wurzeln: So scheinen die Anwesenden den Vormittag zu erleben. Von Anspannung und Langeweile ist nichts zu spüren. Mircea Deac ist eine Respektsperson, aber nach dem Gottesdienst unterhält er sich freundlich mit den Menschen, die er alle gut zu kennen scheint.

Niemand stürmt eilig zur Tür, als der Gottesdienst endet. Denn jetzt wird es gemütlich. Es gibt Kaffee und ein bisschen Gebäck, die Jungen und Mädchen dürfen jetzt etwas lauter sein, es wird gelacht und geschäkert im Gemeindehaus. Wie auf einem Familienfest mit lauter netten Menschen. Kosmopolitisch ist sie, die Kuhwaldsiedlung, wenigstens an den Sonntagen. Dann offenbart Frankfurt hier eine kleine Nische, ein echtes Fenster in die Welt.

Weiterlesen: Interview mit Priester Mircea Deac und Unterdiakon Cristian Jaloba.


Autorin

Anne Lemhöfer 30 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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