Leben & Alltag

Behütet, verschleiert, bedeckt – was religiöse Kleidung sagt.

Kippa, Kopftuch, Schleier – religiös konnotierte Kleidungsstücke haben Signalwirkung. Wir interpretieren sie schnell als eindeutige Erkennungszeichen. Doch ihre Bedeutung ist weder überzeitlich noch unveränderlich.

Gespräche vor dem Interreligiösen Dialogzelt an der Bockenheimer Warte. | Foto: Silke Kirch
Gespräche vor dem Interreligiösen Dialogzelt an der Bockenheimer Warte. | Foto: Silke Kirch

Religiöse Kleidung, die in einem liturgischen Zusammenhang steht – wie ein christlicher Talar oder ein jüdischer Gebetsschal – lässt sich mit etwas Hintergrundwissen eindeutig zuordnen. Anders jedoch ist das im Alltag. Vor allem das Kopftuch löst das immer wieder große Diskussionen aus. Kein anderes religiös konnotiertes Kleidungsstück ist vergleichbar mit Bedeutung aufgeladen. So stand es denn auch im Zentrum einer Veranstaltung über religiöse Kleidung, zu der das Evangelische Stadtdekanat sowie das Zentrum für Islamische Studien der Goethe-Universität unter dem Motto „Unter einem Zelt – triff deinen Nachbarn“ nach Bockenheim eingeladen hatten.

In den gesellschaftlichen Kopftuch-Debatten von heute geht es meist um einen grundlegenden Konflikt zwischen dem Neutralitätsgebot des Staates und der Religionsfreiheit der Einzelnen. Also um die Frage, welchem Aspekt mehr Bedeutung beigemessen werden soll und ob diese Frage grundsätzlich oder je nach Situation entschieden werden soll. 

So hat das Bundesverfassungsgericht das gesetzliche Kopftuchverbot für Lehrerinnen zwar 2015 gekippt, doch wird die Sache in der Praxis seither von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Jüngstes Beispiel ist die Diskussion um ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren – manche möchten hierin dem Nachbarland Österreich folgen. 

All diese Debatten spiegeln das Ringen um Integration und Abgrenzung: Das Kopftuch ist als Kristallisationspunkt der Diskurse über Fremde, Frauen, Religion und nationale Identität ein brisantes Politikum geworden.

Ein Kopftuch – heute könnte es einer jüdischen Frau in Berlin gehören, die ihrer Religionsgemeinschaft entsprechend als verheiratete Frau nicht ohne Kopfbedeckung aus dem Haus gehen möchte. Seine Trägerin könnte jedoch auch eine Muslimin sein, die sich aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit verpflichtet fühlt, ihr Haar zu bedecken. Vielleicht aber bedeckt das Kopftuch auch das Haupt einer Krebspatientin, die den Verlust ihrer Haare nicht zeigen möchte, oder einer, die ihrer Lebensfreude gerne mit bunten Tüchern Ausdruck verleiht. Und – um noch einen Schritt weiter zu gehen – wer kann eine schwarze Sturmhaube, wie sie Ski- oder Motorradfahrer unter ihren Helmen tragen, eindeutig von der Kopfbedeckung eines Burkini unterscheiden, wie ihn ein namhafter Sportartikelhersteller unlängst auf den Markt gebracht hat?

Es ist immer der Kontext, der die Bedeutung eines Kleidungsstückes bestimmt – so hebt der Referent der Bockenheimer Veranstaltung, Armin Begić, hervor. Das gelte für bodenlange Kleider, Herrenanzüge oder hochhackige Schuhe ebenso wie für einen Schleier. Doch unsere Wahrnehmung produziert schnell einen Kurzschluss: Wir wissen wenig über die Hintergründe und neigen zu eindeutigen Interpretationen oder mehr noch: Zuschreibungen, die uns der Anstrengung entheben, uns in einem vielschichtigen Bedeutungsgefüge zurechtfinden zu müssen, und die uns erlauben, unreflektiert festsitzenden Normvorstellungen zu folgen. Dann wird das Kopftuch zu einem Instrument der patriarchalen Unterdrückung der Frau, zu einem Zeichen „kruder Geschlechterbilder“ (Julia Glöckner) oder gar zur „Flagge des Islamismus“ (Alice Schwarzer). Nicht selten wird die in gut abendländischer Tradition verlautbarte aufklärerische Forderung nach Mündigkeit und Selbstbestimmung dabei in ihr Gegenteil verkehrt.

Denn selbst wenn die religiöse Zugehörigkeit der Trägerin eindeutig sein sollte, sagt das noch nichts über ihre Motivation. Womöglich fühlt sie sich verpflichtet oder sieht sich gezwungen, womöglich trägt sie es freiwillig und gerne. Vielleicht hat sie gestern kein Tuch getragen, vielleicht spielt sie selbstbewusst mit dem symbolisch aufgeladenen Kleidungsstück und über das Kleidungsstück mit dem Bedürfnis ihrer Umwelt, eindeutige Zuschreibungen vorzunehmen. Vielleicht ist das Kleidungsstück für sie unhintergehbarer integraler Bestandteil ihrer Beziehung zu Gott und die Reaktionen ihrer Umwelt bringen sie in echte Not.

Kurz: Ein religiös konnotiertes Kleidungsstück kann – allzumal in einer heterogenen, multikulturellen Gesellschaft – nur in einer mehrdimensionalen Beziehung verstanden werden. Es hat Bedeutung innerhalb der religiösen Beziehung jeder und jedes Einzelnen sowie innerhalb der religiösen, kulturellen und sozialen Gemeinschaft, in der sie oder er sich bewegt, und es hat eine Signalwirkung nach außen. Auf allen Ebenen ist die Bedeutung Veränderungen unterworfen.

Um 1900 etwa – so zeigte Begić anhand historischer Fotografien – war der Gesichtsschleier auf dem Balkan unter Frauen der gehobenen Gesellschaftsschichten weit verbreitet, ob sie christlich-orthodox, jüdisch, katholisch oder muslimisch waren. Die jeweilige Tracht gab Auskunft über kulturelle und religiöse Zugehörigkeit sowie über sozialen Status und Rang. Ohne Wissen über den jeweiligen Kontext sind diese Bilder für uns heute genauso wenig zu verstehen wie das Kopftuch unserer Sitznachbarin im Publikum. Nur der Austausch, der Dialog, gegenseitiges Verständnis und Empathie helfen hier weiter. 

Kleidungsstücke können spannende Geschichten erzählen, sie tun es jedoch nicht von alleine.


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Silke Kirch 17 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.