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Gemeindemitglieder aus Afrika sorgen sich um die Lage im Kongo

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Die Französisch-reformierte Gemeinde in Eschersheim wurde einst von Glaubensflüchtlingen aus der Wallonie gegründet. Heute wird sie von vielen Migrantinnen und Migranten aus frankophonen Gebieten Afrikas frequentiert. Mit Veranstaltungen wie dem „Kongotag“ versuchen sie, hierzulande auf die Situation in ihren Herkunftsländern aufmerksam zu machen.

Podium in der französisch-reformierten Gemeinde über die Situation im Kongo. Foto: Silke Kirch
Podium in der französisch-reformierten Gemeinde über die Situation im Kongo. Foto: Silke Kirch

In Frankfurt gibt es eine wachsende Zahl afrikanischer Gemeinden, die meisten davon rechnen sich zu den Pfingstkirchen und sind organisatorisch unabhängig von den traditionellen deutschen Kirchen. Manche protestantischen Afrikanerinnen und Afrikaner, vor allem aus der Demokratischen Republik Kongo und Kamerun, haben sich aber auch der Französisch-reformierten Gemeinde angeschlossen: Sie suchen den Kontakt zu den deutschen Gemeindemitgliedern, engagieren sich im Gemeinderat, unterhalten einen Chor, veranstalten afrikanische Feste.

Das liegt auch daran, dass der studierte evangelische Theologe und Pfarrer Fidèle Mushidi in der Gemeinde als Sozialdiakon arbeitet. Er kam 2001 als Flüchtling aus der DR Kongo nach Frankfurt und bekam Asyl. Er betreut Gemeindemitglieder, mindestens einmal im Monat hält er einen Gottesdienst in französischer Sprache (den nächsten am dritten Advent, Sonntag, 17. Dezember, um 16 Uhr in der Eschersheimer Landstraße 393).

Einige der aus Afrika stammenden Gemeindemitglieder sind bereits in Deutschland aufgewachsen, andere sind zum Studieren nach Deutschland gekommen und dann geblieben. Nicht unbedingt freiwillig, denn die DR Kongo ist kürzlich von den Vereinten Nationen als eine der vier briantesten Krisenregionen der Welt eingestuft worden – neben dem Irak, dem Jemen und Syrien. Viele können gar nicht in ihre Heimat zurückkehren.

Der Kongo hat 2016 eine halbe Million Flüchtlinge aufgenommen

Der Kongo zählt laut „Index der menschlichen Entwicklungen“ zu den zwanzig schwächsten Ländern. Trotzdem hat das Land 2016 knapp eine halbe Million Flüchtlinge aufgenommen, viele aus dem Sudan. Zusätzlich gibt es nach Einschätzung des Flüchtlingshilfswerks UNHCR im Kongo 3,7 Millionen Binnenflüchtlinge.

Viele Gemeindemitglieder haben Familie dort und sind daher wegen der politischen Entwicklungen höchst besorgt. Um dem Thema in Deutschland mehr und differenzierte Aufmerksamkeit zu verschaffen, hatte eine Gruppe aus der Gemeinde nun zum zweiten Mal zu einem Kongotag mit international gefragten Expertinnen und Experten eingeladen. Mit dabei waren unter anderem der ehemalige Generalsekretär von Pax Christi Deutschland, Reinhard Voss, und Jean-Jacques Wondo, ein Experte für die sicherheitspolitische Lage im Kongo.

Bei der Diskussion ging es vor allem um die derzeit instabile Region Kasai. Dort sind nach Ansicht der Experten auf dem Podium die Unruhen eskaliert, nachdem Sicherheitskräfte im August 2016 einen der Opposition angehörenden Stammesführer ermordet hatten, den die Regierung nicht anerkennen wollte. Seither befinde sich die Region im einem Ausnahmezustand, sowohl Rebellengruppen als auch Angehörige des Militärs begingen schwere Verbrechen wie Plünderungen, Massaker und Vergewaltigungen. Aufgrund der Binnenflucht drohe eine Hungerkatastrophe; landesweit sei bereits eine Cholera-Epidemie ausgebrochen.

Regionale Konflikte werden von der Regierung funktionalisiert

Die Expertinnen und Experten auf dem Podium der Französisch-reformierten Gemeinde sind der Ansicht, dass Kasai von der Regierung Joseph Kabilas gezielt destabilisiert werde, um die anstehenden Wahlen weiter verschieben zu können. Offiziell endete die Regierungszeit des Diktators nämlich bereits vor einem Jahr. Ein Ende 2016 von der katholischen Bischofskonferenz im Kongo vermitteltes Silvesterabkommen sieht eigentlich vor, dass bis Ende 2017 freie Wahlen stattfinden sollen, Kabila zurücktritt und keine weitere Amtszeit anstrebt. Aber keiner dieser Punkte wurde umgesetzt.

Nach Ansicht von Jean-Jacques Wondo ist hier wie in vielen anderen Konflikten das Problem, dass regionale und historische Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen von Armee und Polizei für ihre Interessen funktionalisiert werden. Willkür bei der Strafverfolgung, Gewalt gegen die Bevölkerung und Korruption seien allgegenwärtig und schwächten den Staat. Langfristig, so Wondo, brauche der Kongo eine republikanische Armee, die die Bevölkerung schütze. Eine Untersuchungskommission müsse die jüngsten Kriegsverbrechen aufklären. Kurzfristig müsse eine Sonderkommission eingerichtet werden, um Wahlen durchzusetzen und einen weiteren Machtmissbrauch zu verhindern.

Reinhard Voss zeigte sich alarmiert von den Gewaltaufrufen ziviler Gruppen und machte sich für die Kraft gewaltfreier Massenaktionen stark. In diesem Sinne könne auch aus der Diaspora auf die Situation im Kongo eingewirkt werden.

Pfarrer Mushidis Tochter Patience Ngoba-Mushidi las selbst verfasste Geschichten vor, die die Gräueltaten in ihrem Heimatland unmittelbar anschaulich machen. Mit ihrer Arbeit als Schriftstellerin bringt sie sich in das kürzlich gegründete Deutsch-Kongolesische Jugendinstitut (DKJ) ein, das jungen Kongolesinnen und Kongolesen in Frankfurt die Möglichkeit geben möchte, in der Diaspora Zusammenhalt und Unterstützung zu finden. 

Wer Menschen in der Region unterstützen möchte, kann sich an den Verein Mooyo Utante wenden.


Autorin

Foto: Ilona Surrey
Silke Kirch 9 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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