Politik & Welt

Kein Opium, nirgends: Von Religion und Revolution

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Für Karl Marx war Religion Opium fürs Volk. Aber lässt sich ohne den Glauben an etwas Höheres überhaupt Revolution machen? Die Evangelische Akademie widmet sich in ihrem aktuellen Halbjahresprogramm dem Thema.

Der Ober-Revoluzzer wird 200: Karl-Marx-Statue in Chemnitz. Foto: Antje Schrupp
Der Ober-Revoluzzer wird 200: Karl-Marx-Statue in Chemnitz. Foto: Antje Schrupp

Religion, Reformation, Revolution, klingt alles irgendwie gleich. Und tatsächlich: Nachdem das Reformationsjubiläumsjahr 2017 gerade geschafft ist, kommen jetzt die Revolutionsjubiläen dran: 1848, 1918, 1968, nicht zu vergessen der 200. Geburtstag von Karl Marx.

Allerdings ist das Verhältnis von Revolution und Religion bekanntlich nicht das beste. Als „Opium des Volkes“ beschrieb Marx die Religion, der Glaube an ein Jenseits mache die entrechteten Massen schicksalsergeben und halte sie von der Revolte im Hier und Jetzt ab. Die Kirchen wiederum haben sich über Jahrhunderte hindurch lieber mit den Machthabern verbündet als mit Aufständischen.

Trotzdem gab es immer auch Menschen, die sich Jesus selbst als Revolutionär vorgestellt haben, von Thomas Müntzer bis Ernesto Cardenal und Dorothee Sölle. Und so mancher revolutionäre Heilsbringer tritt auf wie ein Messias. Da ist es nur folgerichtig, wenn die Evangelische Akademie ihr neues Halbjahresprogramm unter das Motto „Revolution“ stellt. Die Konterfeis berühmter Weltverbesserer wie Edward Snowden und Rosa Luxemburg, Karl Marx und Martin Luther King, Che Guevara und Uschi Obermeier laden zu entsprechenden Veranstaltungen ein.

Am 15. März zum Beispiel will Rainer Forst, Politikwissenschaftler an der Uni Frankfurt, klären, ob Karl Marx ein Auslaufmodell oder doch ein Impulsgeber für die Zukunft ist. Bei einer anderen Tagung zum 200. Geburtstag des deutschen Ober-Revoluzzers wird es um die Frage gehen, ob Sozialismus nicht eigentlich eine jüdische Idee ist. Auch zum 50. Jubiläum der 1968er-Revolution hat die Akademie manches in Planung. So wird es am 9. und 10. März eine 24-Stunden-Tagung über „die 68er zwischen Geschichte und Tradition“ geben. Am 12. April unternimmt dann der Historiker Gerd Koenen einen Rückblick auf das ambivalente Erbe von 1968. Wieder andere Veranstaltungen setzen sich künstlerisch etwa mit der „digitalen Revolution“ oder der „Wohnrevolution“ auseinander.

Aber wie steht es denn nun um das Verhältnis von Revolution, Reformation und Religion? In einem Begleittext zum Programm stellt Akademiedirektor Thorsten Latzel den irdischen Revolutionsvorstellungen eine theologische Interpretation entgegen: Die wirkliche Revolution, schreibt er, gehe nicht von Menschen aus, sondern von Gott: „In Christus wälzt Gott in sich selbst oben und unten um“.

Normalerweise werde darüber gestritten, ob Veränderungen nun eher bei den politischen und wirtschaftlichen Strukturen ansetzen müssen, oder ob es die Einzelnen sind, die erst mal sich selbst ändern sollen, so Latzel. Beides greift seiner Ansicht nach zu kurz, selbst wenn man es kombiniert: Das eine führe leicht zu politischen Ideologien, das andere zu moralischer Überforderung. Genau hier kommt die Religion ins Spiel: Wenn Gott nämlich die eigentliche Revolution schon gemacht hat, brauchen wir Menschen nur noch mitzumachen. Wir können gelassen bleiben, auch wenn es schwierig wird – und gerade deshalb viel bewirken. Kein Opium also, nirgends.

Komplettes Programm: www.evangelische-akademie.de.


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Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt. Foto: Tamara Jung
Antje Schrupp 73 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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