Politik & Welt

Wie junge Leute die Revolution mitten in die Kirche trugen

Viele Protestierende von 1968 waren überzeugte Christinnen und Christen. Die schiere Masse junger Leute, die damals in die Gemeinden strömten oder gar Theologie studierten, veränderte die Kirche nachhaltig.

Karfreitag 1968 in der Peterskirche: Einen Tag nach dem Attentat auf Rudi Dutschke kam es zu studentischen „Go-ins“ im Gottesdienst. | Foto: kna
Karfreitag 1968 in der Peterskirche: Einen Tag nach dem Attentat auf Rudi Dutschke kam es zu studentischen „Go-ins“ im Gottesdienst. | Foto: kna

Ohne Rudi Dutschke wäre Hermann Düringer vielleicht kein Pfarrer geworden. Im Jahr 1967, das Abitur frisch in der Tasche, dachte er eigentlich darüber nach, sich für Mathematik oder Physik einzuschreiben. Aber dann kam der 2. Juni und der Tod von Benno Ohnesorg. „Da war für mich klar, ich will mich dieser Bewegung, ihren Zielen und den Protesten gegen den Vietnamkrieg anschließen.“

Weihnachten 1967 verbrachte der damals 20-Jährige bei seinen Eltern in einem hessischen Dorf. Im Fernsehen sah er, wie Studenten den Heiligabend-Gottesdienst in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stürmten und Rudi Dutschke auf die Kanzel stieg. „Das fand ich großartig, dieses prophetische Element war genau das, was der Kirche damals fehlte!“Und so kam es, dass Hermann Düringer nicht Mathematiker oder Physiker wurde, sondern Pfarrer.

Und er war nicht der einzige, der diesen Marsch durch die Institution antrat. Die evangelische Kirche ist von 1968 nachhaltig beeinflusst worden. Bis dahin war sie „extrem konservativ und hierarchisch gewesen“, wie die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter sagt. „In den Kirchenvorständen saß noch die Generation der Nazis.“

Doch die schiere Masse junger Menschen mit Veränderungswillen, die ab 1968 Theologie studierten und in die Gemeinden strömten, erzwang einen Wandel.

Auch in Frankfurt: Die Evangelische Studentengemeinde und das Stadtjugendpfarramt standen von Anfang an auf der Seite der Protestierenden. Stadtjugendpfarrer war seit 1963 Dieter Trautwein. Im Stadtjugendpfarramt gab es schon seit einiger Zeit einen „Politischen Arbeitskreis“, der sich mit Kolonialismus in Lateinamerika, dem Vietnamkrieg und ähnlichen Themen beschäftigte. „Dort kam ein Großteil der evangelischen Unterstützer von 68 her“, sagt Kunter. Auch die Studentengemeinde war Teil der Proteste, wenn auch, wie der damalige Theologiestudent Düringer betont, „mit einem klaren Fokus auf Gewaltfreiheit“.

Dass so viele aus den Reihen der Protestler von 1968 überzeugte Christen waren – allen voran natürlich Rudi Dutschke, aber eben nicht nur er – ist heute ein wenig in Vergessenheit geraten. Aber wenn die Studenten damals Kirchen besetzten und Kanzeln erstürmten, dann nicht, um die Kirche als solche zu bekämpfen. Sondern im Gegenteil, um Ansprüche zu stellen: Das Christentum, so fanden sie, müsse zu drängenden Fragen der Zeit Stellung beziehen.

Tatsächlich hat die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau im Frühjahr 1968 eine deutliche Kritik am Vietnamkrieg und der Ausbeutung der Dritten Welt verabschiedet. Die Motive der Studenten hatte der frühere Frankfurter Studentenpfarrer Wolfgang Kratz den Delegierten erläutert.

Deutschlandweit trafen sich Theologiestudenten und junge Pfarrer 1968 zur so genannten Celler Konferenz. Sie kritisierten eine zu starke Verflechtung der Kirche mit kapitalistischen Strukturen und forderten mehr praktisches Engagement. „Sie wollten mehr offene Jugendarbeit, mehr Randgruppenarbeit“, erinnert sich Düringer, „sie wollten, dass sich die Seelsorge mehr an psychologischen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert.“

Es ging also nicht nur um Weltpolitik, sondern auch um die eigenen Strukturen. „Wichtig waren in Frankfurt zum Beispiel die Heimkinderkampagnen“, sagt Katharina Kunter. Sie machten auf autoritäre und unterdrückerische Zustände in der damaligen Fürsorgeerziehung aufmerksam. „Erst dadurch sind Missbräuche auch in der Diakonie aufgearbeitet worden, diese Kampagne hat wirklich was gebracht“, sagt die Historikerin.

Aber die Diskussionen über „Reformation und Revolution“ auf der hessen-nassauischen Herbstsynode des Jahres 1968 verliefen sehr kontrovers. Vor allem der ehemalige Kirchenpräsident Martin Niemöller sprach sich strikt gegen eine Demokratisierung der kirchlichen Strukturen aus. Auf der Gegenseite bildete sich eine so genannte „ASO“, die „Außersynodale Opposition“, eine Gruppierung, die für demokratische Reformen und transparente Entscheidungen eintrat.

Doch die eigentlichen Debatten wurden erst in den 1970ern und 1980ern geführt. Dann nämlich, als die revoltierenden Theologen in ihre Ämter kamen. Hermann Düringer zum Beispiel wurde 1975 Gemeindepfarrer und später Direktor der Evangelischen Akademie. Studentenpfarrer Wolfgang Kratz bildete als Oberkirchenrat in Darmstadt Theologen und Theologinnen aus. Und der ehemalige Stadtjugendpfarrer Dieter Trautwein wurde 1970 Propst von Frankfurt, also leitender Geistlicher der Stadt – und blieb das bis 1988.

Der Reformationsprozess spielte sich meist dezentral, in den Gemeinden, ab und verlief natürlich nicht überall gleich schnell. Mit der zunehmenden Zahl von Frauen im Pfarramt erreichte bald auch der Feminismus die Kirche. Manches Mal gerieten diese Debatten in die Schlagzeilen, in den 1970ern etwa mit dem Streit über kommunistische Pfarrer oder in den 1980ern mit den Auseinandersetzungen über die Startbahn West.

Dass diese Konflikte nicht spalterisch wirkten, sondern sich die evangelische Kirche in Hessen langsam, aber nachhaltig modernisierte, ist besonders Helmut Hild zu verdanken, der von 1969 bis 1985 Kirchenpräsident war. Typisch ist wohl eine Begebenheit, die Hermann Düringer erzählt: „Im Zuge der Startbahn-Proteste erschien 1981 in der FAZ ein Artikel, der mir unterstellte, ich hätte zur Gewalt aufgerufen. Hild rief mich persönlich an und sagte mir seinen Rückhalt zu – ich solle aber nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen.“

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Autorin

Antje Schrupp 93 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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