Zugespielt ... - Kolleginnen und Kollegen im Porträt

Ich will Menschen im Namen der Liebe einladen

Lars Heinemann arbeitet seit Anfang 2021 als Pfarrer in der Kirchengemeinde in Bornheim. In der Johanniskirche lädt er seit April 2022 regelmäßig zu seinen "Vinyl-Gottesdiensten" ein. Und die Kirche ist gerammelt voll.

Pfarrer Lars Heinemann / Foto: Rolf Oeser
Pfarrer Lars Heinemann / Foto: Rolf Oeser

Wie verstehen Sie Gottesdienst?
Heinemann: Meine Botschaft ist „Komm mit Deinen Lebensthemen, bei mir läuft die Übersetzungsarbeit.“ Ich will Offenheit ausstrahlen. Bei den Vinyl-Gottesdiensten ging es mir nie nur um das Event. Mit dem Rödelheimer Musiker und Künstler Moses Pelham zum Beispiel habe ich im Vorfeld ein langes religiös-intensives Gespräch geführt. Mich leitet die Frage: Wie kann Gottesdienst aussehen, der sich öffnet? Ein Ort, wo sich Menschen treffen, Gemeinschaft bilden und interagieren können – „in the Name of Love“, wie der Titel der Vinyl-Gottesdienste .

Was hat Sie geprägt?
Heinemann: Zum Beispiel die Plattensammlung meiner Eltern, die Allgegenwärtigkeit von Kunst und Kultur in meinem Zuhause. Dabei immer in Berührung mit Fragen des Glaubens, des Lebens und der Transzendenz. Später hatte ich einen musik­affinen Freundeskreis, wo es in Gesprächen viel um Musiktheorie ging. Da waren die Szenemagazine wie Spex oder Visions. Musik ist eine der Leidenschaften meines Lebens. Ein Segen, dass ich all das in den Vinyl-Gottesdiensten verknüpfen und zum Ausdruck bringen kann. Und dass das so vielen Menschen etwas sagt.

Wie kam die Idee dazu?
Heinemann: In meiner Zeit als Pfarrvikar in der Sachsenhäuser Maria-Magdalena-Gemeinde lernte ich den Sohn einer Kirchenvorsteherin kennen, Chima Onyele. Uns verbindet der Glaube und die Liebe zur Musik. Er motivierte mich, meine Idee in die Tat umzusetzen und hat als Musiker auch die Kontakte in die Musikszene. Als ich beim letzten Vinyl-Gottesdienst in sein lächelndes Gesicht sah, wusste ich: Unsere Erwartungen wurden noch übertroffen.

Was macht Ihren Erfolg aus?
Heinemann: Ich konnte es ja erst selbst kaum glauben, dass das so schnell so gut funktioniert. Das Durchschnittsalter liegt bei 35 Jahren. Auch die Kerngemeinde kommt gerne und trägt das Konzept mit. Das ist mir auch wichtig. Als Moses Pelham zum Thema „Trost“ angekündigt war, fragte sogar die Vinyl-Fachzeitschrift „Mint“ an, ob sie kommen kann. Und das unabhängige Stadtradio „Radio X“ war schon häufiger da. Die Kirche war voll, als Moses Pelham seine Auswahl an Musikstücken vorstellte und über persönliche Momente des Trostes mit dem DJ und Musikexperten Mathias Westerwelle sprach. Ich denke, hier knüpft Kirche am Alltag, an Lebensfragen an, wird konkret, wird fassbar und auf ganz eigene Weise spirituell zugänglich.

Tragen Sie dabei auch Talar?
Heinemann: Nein, ich trage im Vinyl-Gottesdienst ein weißes T-Shirt, Retro-Jackett und weiße Sneakers. Das ist stimmiger.

Was macht Ihnen Sorgen?
Heinemann: Die sinkenden Mitgliederzahlen durchaus. Das, was Kirche gesamtgesellschaftlich ausmacht, ist nicht ersetzbar. Und ohne sozialen Träger tragen Ideen sich nicht selbst.

Was würde genau fehlen?
Heinemann: Vieles an konkreten Angeboten, aber auch so etwas wie die Fülle des Lebens, das ganz Tiefe, das ganz Hohe. Es gibt das, was man sieht, und dann gibt es noch etwas ganz anderes. Die sichtbare und die unsichtbare Welt – danach greift der Glaube. Und das macht das Leben so viel reicher.


Autorin

Sandra Hoffmann-Grötsch ist Journalistin in der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach.