Ethik & Werte

Bündnis für soziale Gerechtigkeit warnt vor steigender Altersarmut

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In Zukunft werden immer mehr Menschen im Alter arm sein. Auf diese Gefahr wies der Sozialwissenschaftler Stefan Sell in Frankfurt bei der Eröffnung einer Kampagne gegen Altersarmut hin, die das „Bündnis für Soziale Gerechtigkeit in Hessen“ ins Leben gerufen hat. Dem Bündnis gehören mehr als 30 Sozialverbände, Kirchen und Gewerkschaften an.

Foto: Alex Boyd /unsplash.com
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Etwa drei Prozent der Menschen bezögen Grundsicherung im Alter, der durchschnittliche Bedarf liege bei 800 Euro, sagte Sell. Allerdings dürfe man Armut im Alter nicht auf diese Gruppe beschränken, damit verharmlose man das Problem. Nach der international anerkannten Definition von Statistikern und Armutsforschern gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens der Bevölkerung hat – das Medianeinkommen liegt dort, wo genau die eine Hälfte der Bevölkerung darüber und die andere darunter liegt.

Derzeit liege die Schwelle für die Armutsgefährdung bei 999 Euro für eine alleinstehende Person, sagte Sell. Im Jahr 2005 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1,7 Millionen Menschen armutsgefährdet, 2016 waren es bereits 2,5 Millionen. Die Zahl steige kontinuierlich, und auch der Boom auf dem Arbeitsmarkt habe wegen des niedrigen Mindestlohns, gebrochener Erwerbsbiografien und vieler Teilzeitbeschäftigten keinen Effekt auf die Armutsquote.

Armutsgefährdet seien besonders Frauen, die sich nach der Heirat aus dem Berufsleben zurückgezogen und um die Familie gekümmert haben. Stark gefährdet seien allerdings auch ehemalige Selbstständige, die nicht fürs Alter vorsorgen konnten, und Ostdeutsche, die bei der Wende um die 40 Jahre alt waren und ihre Arbeit verloren haben. Auch wer lange in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Ein-Euro-Jobs oder im Niedriglohnsektor verbracht hat, werde später keine Chance auf eine Rente oberhalb von Hartz IV haben. „Sie werden nicht still halten wenn sie begreifen, was auf sie zukommt“, sagte Sell voraus.

Ein zentrales Problem sieht der Forscher in der Rentenformel und dem deutschen „Eckrentner“. Nach dessen Einkommen wurde die Absenkung des Rentenniveaus auf 48 Prozent des früheren Einkommens berechnet. Um nach 45 Arbeitsjahren auf eine Brutto-Rente von 1.396 Euro zu kommen, müsse ein Arbeitnehmer kontinuierlich das durchschnittliche Entgelt verdient haben. 2017 lag dieses bei 3.092 Euro im Monat. Allerdings, so Sell, verdienten in Ostdeutschland im Jahr 2016 rund 1,2 Millionen Menschen in Vollzeit weniger als 2.000 Euro im Monat. In Westdeutschland seien es 2,5 Millionen Menschen gewesen. Ihnen allen drohe Altersarmut.

Wer zum gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro pro Stunde Vollzeit arbeite, bekomme ein Bruttogehalt von 1.532 Euro. Um mit diesem Einkommen auf die für den „Eckrentner“ ausgewiesene Monatsrente zu kommen, müsse man 90 Jahre arbeiten, rechnete Sell vor. Wer hingegen auf diesem Niveau „nur“ 45 Jahre arbeitet, komme lediglich auf eine Rente von 691 Euro und liege damit unterhalb der Schwelle für Grundsicherung im Alter.

Der Sozialwissenschaftler plädiert deshalb für eine „Rente nach Mindesteinkommen“, bei der das unterdurchschnittliche versicherungspflichtige Einkommen um die Hälfte aufgewertet werde. Bis 1993 habe es diese Form der Rentenaufwertung bereits gegeben, sie sei also innerhalb des bestehenden Systems machber.

In seinem Aufruf gegen Altersarmut fordert das Bündnis für Soziale Gerechtigkeit, dass die gesetzliche Rente bedingungslos für alle das Existenzminimum übersteigen müsse, unabhängig vom Erwerbsverlauf. Außerdem plädiert es für eine Eindämmung des Niedriglohnsektors, die Abschaffung von Minijobs sowie die Aufwertung und bessere Bezahlung von Erziehung und Pflege.

Internet: www.soziale-gerechtigkeit-hessen.de


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