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Jugendhäuser: Versteckt und abgeschottet war früher

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Früher waren Jugendhäuser oft für sich und lagen außerhalb des Sichtfelds der Erwachsenenwelt. Seit einiger Zeit jedoch geht der Trend zu transparenten, im Stadtteil deutlich sichtbaren Räumen für die Jugend. Für die Jugendarbeit hat beides Vor- und Nachteile.

Das Jugendhaus am Riedberg wirkt mit seiner großen Fensterfront wie ein Szene-Café.
Das Jugendhaus am Riedberg wirkt mit seiner großen Fensterfront wie ein Szene-Café.

Kommt man über den großen Platz auf das moderne Betongebäude zu, denkt man zuerst, die großzügigen Fenster des Jugendhauses gehören zu einem Szene-Café. Der helle und offene Bau könnte aber auch eine Bar beherbergen: Das Jugendhaus am Riedberg ist ein typisches Beispiel für die neue „sozialräumliche“ Orientierung der Jugendarbeit.

Das 2013 von der Stadt Frankfurt konzipierte Jugendhaus ist in den Gebäudekomplex eines Gymnasiums eingebunden, betrieben wird es vom Evangelischen Verein für Jugendsozialarbeit. Und die Räume sehen richtig schön aus: Neu, modern, transparent, einladend.
„Genau hier liegt allerdings auch die Crux unserer Einrichtung“, sagt Pia Straßburger, die das Jugendhaus am Riedberg leitet. Denn durch den einladenden Charakter erleben die Kids die Räumlichkeiten nicht als Rückzugsort. Oft treten fremde Menschen ein, wollen sich an die Bar setzen und ein Getränk bestellen. Auch die Eltern empfinden die Türschwelle nicht als Grenze, die Räume nicht als exklusiven Ort für Jugendliche. „Da steht schon mal ein Elternteil unangemeldet im Jugendhaus. Das ist Gift für unsere Beziehungsarbeit“, sagt Straßburger. Wenn Jugendliche ständig damit rechnen müssen, dass gleich Mama oder Papa oder auch fremde Erwachsene im Jugendhaus auftauchen, öffnen sie sich nur zögerlich.

Die Aufgeräumtheit des Ambientes hat außerdem ihren Preis. „Die Jugendlichen können hier nichts für sich beanspruchen. Sie haben keine Möglichkeit der Eigengestaltung“, bedauert Straßburger. Gebäudeauflagen und Architektenschutz machen strenge Vorgaben. „Wir dürfen nicht mal einen Nagel in die Wand schlagen. An ein Graffiti oder etwas in dieser Art ist gar nicht zu denken.“

Christian Telschow, der beim Evangelischen Verein für Jugendsozialarbeit für den Bereich der offenen Kinder- und Jugendarbeit zuständig ist, sieht hingegen auch positiven Seiten bei dem Trend. „Durch den offenen Charakter und den ebenerdigen Zugang am Riedberg ist die Einrichtung in der Öffentlichkeit, im Stadtteil sichtbar. Das sind Einrichtungen, die in Kellern und Hinterhöfen untergebracht sind, nicht.“

Kinder- und Jugendhäuser sind in ihrer Architektur immer auch Zeichen ihrer Zeit. Während früher Jugendliche möglichst nicht stören und auffallen sollten, setzt man heute eher auf Integration: Kinder und Jugendliche sind Teil der Gesellschaft, sie sollen sichtbar sein, nicht versteckt.
Das bedeutet allerdings im Alltag ein hohes Maß an Flexibilität, Kreativität und Einfallsreichtum der Pädagogen und Pädagoginnen vor Ort. „Ein ideales Gebäude für die Jugendarbeit ist illusorisch“, sagt Telschow.
Man kann eben nicht beides haben: Entweder ein Jugendhaus ist sichtbar und transparent, eingebunden in den Stadtteil – dann müssen sich auch die Gestaltung und das Ambiente entsprechend einpassen. Oder es ist ein Rückzugsort für Jugendliche, an dem sie unter sich sind und machen können, was sie wollen – dann ist es aber nicht wirklich in den Stadtteil integriert, und es findet kein Austausch zwischen den verschiedenen Lebenswelten statt.

Und, auch nicht gering zu schätzen: Wenn es offizielle Standards gibt, funktioniert auch vieles besser. „Das Jugendhaus Riedberg hat eine großzügige Küche, einen modernen Cafébereich, einen kleinen Sportraum und einen großen Außenbereich hinter dem Gebäude“, sagt Telschow. „Was die Ausstattung betrifft, ist dieser intakte Neubau ist vielen anderen Einrichtungen der Jugendarbeit um einiges voraus.“


Autorin

Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion von Evangelisches Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser
Angela Wolf 13 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.

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