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Schulpsychologin: Viele Eltern übertragen den eigenen Ehrgeiz auf ihre Kinder

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Nach Beobachtung der Schulpsychologin Petra Schuster-Böck gibt es inzwischen mehr Eltern als früher, die ihre Kinder vorzeitig einschulen möchten. Doch das ist meistens keine gute Idee.

Der Druck, den Leistungsgesellschaft auf die Kinder ausübt, nimmt ihnen die Möglichkeit, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln.  |  Photo by pan xiaozhen on Unsplash  |
Der Druck, den Leistungsgesellschaft auf die Kinder ausübt, nimmt ihnen die Möglichkeit, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln. | Photo by pan xiaozhen on Unsplash | Quelle: https://unsplash.com/

„Eltern, die ihre Kinder früher einschulen möchten, sollten sich fragen, ob ihr Kind wirklich unterfordert ist, oder ob es ihr eigener Ehrgeiz ist“, sagte Schuster-Böck dem Evangelischen Pressedienst. Die Psychologin plädierte dafür, sich im Zweifelsfall für eine spätere Einschulung zu entscheiden.

Als möglichen Grund für den Trend zur früheren Einschulung nannte sie die heutige „Leistungsgesellschaft“ und den damit einhergehenden sozialen Druck. Eltern würden ihre Kinder ständig mit denen der Nachbarn oder Freundinnen vergleichen. Für die Entscheidung einer möglichen vorzeitigen Einschulung sollten sie mit Pädagoginnen und Pädagogen von Kindergarten und Schule zusammensetzen und genügend Zeit einplanen.

„Es ist ein totales Frusterlebnis, wenn Kinder das erste Jahr nicht schaffen“, erklärte Schuster-Böck. Oftmals mache sich eine zu frühe Einschulung auch erst in der Pubertät bemerkbar. Jedes Kind habe sein eigenes Entwicklungstempo. Selbst wenn ein Kind auf kognitiver Ebene fit sei, also zum Beispiel bereits lesen und ein wenig schreiben könne, bedeute das noch lange nicht, dass es auch sozial und körperlich bereit für die Schule sei. Hier würden sich die angehenden Schülerinnen und Schüler immer schwerer tun. „Viele scheitern schon daran, einen Ball zu fangen“, beklagte die Psychologin.

Eltern müssten wieder lernen, ihren Kindern mehr Freiheiten zu geben. Viele seien ängstlicher geworden, weil sie in den Medien ständig von Überfällen und Vergewaltigungen hören. Außerdem sprach sich die Pädagogin für ein „Recht auf Langeweile“ aus. Nur in solchen Momenten könnten Kinder ihre Kreativität entfalten. Dafür seien teure Spielsachen nicht nötig, einfache Holzbauklötze und Fingerfarben reichten völlig aus. „Ein Erst- oder Zweitklässler braucht auch kein Handy“, betonte Schuster-Böck. Medienerziehung sei zwar ein wichtiges Thema, aber noch nicht unbedingt zum Zeitpunkt der Einschulung.

Nach Ansicht der Schulpsychologin gibt es zurzeit zwei Arten von Eltern: Solche, die ihren Kindern vor lauter Terminen keine Freiräume ließen, und solche, die ihr Kind gar nicht förderten. Das sei zum Beispiel in manchen migrantischen Familien der Fall, die von den entsprechenden, oftmals kostenlosen Bildungsangeboten in Deutschland gar nichts wüssten, sagte Schuster-Böck.

Hier sei es wichtig, die richtige Mitte zu finden. Die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder das Erlernen eines Musikinstruments seien sinnvoll, mehr als zwei Termine an einem Nachmittag sollten Eltern ihrem Nachwuchs allerdings nicht zumuten.


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